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Science Fiction:Wir müssen reden

In Denis Villeneuves Film "Arrival" wollen die Aliens nicht zerstören, sondern kommunizieren. Ein außergewöhnlicher Blockbuster.

Von Tobias Kniebe

Nur mal angenommen, die Menschheit bekommt Besuch aus dem All, und das Unvorstellbare passiert: Trotz Mobilmachung, Massenpanik und Weltuntergangsstimmung denken die Aliens gar nicht daran, Unschuldige zu entführen, berühmte Gebäude zu sprengen, die Menschheit auszurotten oder zwecks Energiegewinnung unseren Erdkern anzubohren.

Stattdessen verhalten sie sich ruhig und verlassen ihre Raumschiffe nicht. Bei den ersten Kontaktversuchen unsererseits, durchgeführt von todesmutigen Spezialeinheiten, tun sie im Gegenteil etwas, worauf Literatur und Kino uns nie angemessen vorbereitet haben: Sie signalisieren den Wunsch nach Kommunikation.

Was nun? Alle Szenarien des Widerstands, von H.G. Wells bis Roland Emmerich, sind in diesem Moment Makulatur. Als komplett nutzlos würde sich leider auch die Robert-Zemeckis-Doktrin erweisen ("Sie werden sich einfach in unsere Gedanken einklinken"), ebenso das Spielberg-Theorem ("Wir spielen ihnen fünf Töne vor und blinken dabei mit bunten Lichtern") und der Star-Wars-Code (Auskunft von Lucasfilm ans Pentagon: "Unser C3PO-Modell beherrscht leider nicht wirklich alle Sprachen des Universums").

Der erste Blockbuster aus Hollywood, in dem es um "nichtlineare Orthografie" geht

Präzise an diesem Problem, an dem guter Rat für die Menschheit teuer ist, setzt Denis Villeneuves wunderbarer Film "Arrival" an. Und damit wird die Sache ernst. Denn nun wird eine sehr reale Frau, eine Koryphäe der vergleichenden Sprachwissenschaft, aus ihrem beschaulichen Alltag herausgerissen und mitten in der Nacht in einen Militärhelikopter verfrachtet.

Dr. Louise Banks wirkt vor allem deshalb real, weil die tolle Schauspielerin Amy Adams ihr diese Realität verleiht. Aber auch, weil "Arrival" sie wirklich in den Mittelpunkt stellt. Als ihre Universität evakuiert wird, fährt sie wie alle anderen nach Hause, telefoniert mit ihrer Mutter und macht den Fernseher an, wo sie erfährt, dass zwölf Raumschiffe über verschiedenen Teilen der Erde aufgetaucht sind und dort reglos verharren.

Sie erlebt das mögliche Ende der Welt demnach wie jeder andere, denn der Zugang zu den Aliens wird sofort vom Militär kontrolliert. Die Bürger der USA zum Beispiel wissen, dass eines der Raumschiffe über einem Feld in Montana schwebt, aber die Gegend ist längst evakuiert und abgesperrt. Da draußen kann alles passieren, aber der Regierung ist natürlich nicht zu trauen, weshalb die Amerikaner vorsorglich mal Krawalle starten und anfangen, sich gegenseitig auszurauben.

Film Arrival

Sprachwissenschaftler sind die wahren Actionhelden: Dr. Louise Banks (Amy Adams) betritt das Raumschiff.

(Foto: Sony)

Dr. Banks sitzt mit gemischten Gefühlen in diesem Helikopter. Weil einerseits klar ist, dass ihr nächster Schritt auch ihr letzter sein kann, weil aber andererseits der Zugang zur Wahrheit natürlich wertvoll ist. Sie hat im Lotto des Schicksals einen Access-All-Areas-Pass gewonnen, weil sie einem zunächst ungläubigen und eher paranoiden Colonel (Forest Whitaker) die Grundregel Nummer eins der Sprachwissenschaft klarmachen konnte: Um eine Sprache zu lernen, sorry, muss man tatsächlich mit dem Sprecher reden.

Dann bricht ein strahlender Morgen über Montana an, die weite Landschaft ist leer, weil Sperrgebiet, und plötzlich steht da senkrecht, gänzlich unbewegt, dieser Monolith in der Luft und ragt etwa 400 Meter in die Höhe. Er sitzt aber nicht auf dem Boden auf, er schwebt ein paar Meter darüber, seine gewaltige Masse scheint die irdische Schwerkraft zu verhöhnen. Seine Form ist ein Ellipsoid, leicht organisch gekrümmt, auf einer Seite konkav, aber ohne erkennbare Öffnungen oder Düsen. Das Ding ist so schön, dass es monatelang ganz allein für den Film werben durfte, als einzige Attraktion auf dem ersten Plakat. Und man begreift, dass es dem aufstrebenden kanadischen Kinomagier Denis Villeneuve vor allem um diesen Moment des Staunens geht - um eine Begegnung mit dem gänzlich Anderen, dem vollkommen Fremden. Dieses Staunen trägt den ganzen Film, es trägt ihn ganz wunderbar und elementar, viel mehr Drama und Action wird Villeneuve gar nicht liefern oder brauchen. Alle Unruhe und Gefahr aber wird von jener Gruppierung der Menschheit ausgehen, die das Staunen und die Neugier verlernt hat oder einfach verweigert.

Zunächst aber spielt da die Gefahr der Kontamination eine Rolle, mit Impfungen und klobigen Schutzanzügen und einem Zeisig im Käfig als Frühwarnsystem, ganz wie früher bei den Bergleuten. Sein Zirpen ist tröstlich und kläglich zugleich. Wenn die Aliens die Einstiegsluke ihres Raumschiffs öffnen, ist da immer noch die Distanz zum Boden, sie muss ganz banal mit einer elektrischen Hebebühne überbrückt werden. Dann folgt ein schwarzer, senkrechter Tunnel, der aber bereits seine eigene Schwerkraft hat. Man springt nach oben und landet seitwärts.

Am Ende des Tunnels manifestieren sich, hinter einer erleuchteten Scheibe im Eisnebel, die fremden Lebewesen selbst. Man stellt sie sich am besten wie graue Baumstümpfe vor, die von beweglichen Wurzeln getragen werden, sieben Tentakeln sind es, weshalb sie auch Heptapods, Siebenfüßler, getauft wurden. Auch diese Situation gestaltet Villeneuve so real wie möglich, was in dem Fall heißt, dass Dr. Banks in ihrem Schutzanzug erst einmal erstarrt - völlig unfähig, ihre Mission zu beginnen.

Es gibt dann aber weitere Treffen und damit die Chance, wie man so sagt, auf behutsame Annäherung. Zwar erweist sich die auditive Ebene als schwierig - die Rumpel- und Klopfgeräusche der Aliens lassen sich von Menschen schlicht nicht reproduzieren - aber ihre Schriftsprache ist ein Traum. Sie besteht aus kreisförmigen Ringen mit bedeutsamen Verdickungen und Verästelungen, die an zerquetschte Kakerlaken erinnern. Sie werden mit einer Art Tintennebel direkt in die Luft geschrieben.

Der folgende Prozess der Entschlüsselung durch Louise Banks und ihren Kollegen, den theoretischen Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) ist nicht nur das Herzstück des Films, sondern auch das Herzstück von der "Geschichte deines Lebens", der zugrunde liegenden Shortstory von Ted Chiang, deutsch im Sammelband "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes" (2012). Wie kaum je zuvor in der Fiktion wird hier die Detektivarbeit der Linguistik ernst genommen. Bis klar ist, dass diese Alien-Sprache aus Logogrammen besteht, die nicht nach Wörtern getrennt sind, dass sie nichtlineare Orthografie benutzen und ein semasiografisches Zeichensystem, ganz ohne auditive Entsprechung.

Dass man einmal den Ausdruck "nichtlineare Orthografie" in einem Hollywoodfilm mit Blockbuster-Potenzial hören würde, hätte man auch nicht gedacht. Eric Heisserer, der Drehbuchautor, der sich zuerst in die Kurzgeschichte verliebt und über Jahre für diesen Film gekämpft hatte, konnte es am Ende selbst kaum glauben. Aber die Freude am Staunen macht es möglich, sie trägt einen über die ganze komplizierte Wissenschaft hinweg, und sie bereitet den Weg für noch tiefere Erkenntnisse.

Denn ein kreisförmiger Satz, dessen erstes Zeichen auch bereits sein letztes impliziert, und eine Folge von Zeichen, deren Beginn bereits ihr Ende kennen muss, um überhaupt Gestalt anzunehmen - kann eine solche Sprache ganz ohne Einfluss auf das Denken des Menschen bleiben, der sie erlernt? Auf keinen Fall, werden jene antworten, die sich wirklich mit den Worten befassen, ihrer Schönheit und ihrer Macht. Und sie werden sehen, was hier passiert: dass die Frau, die den Aliens gegenübertritt, nicht mehr dieselbe ist, die sich von ihnen verabschiedet; dass der freie Wille auch nur ein Konzept ist, das der Mensch einmal ersonnen hat; und dass unser Schicksal vielleicht wirklich schon in den Sternen geschrieben steht.

Nur mal angenommen, die Menschheit bekommt Besuch aus dem All, und das Unvorstellbare passiert: Das Kino schwingt sich zu einem Erkenntnishunger auf, die der Wucht eines solchen Ereignisses tatsächlich angemessen ist.

Arrival, USA 2016 - Regie: Denis Villeneuve. Buch: Eric Heisserer. Kamera: Bradford Young. Mit Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg. Sony, 117 Minuten.

© SZ vom 23.11.2016

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