Schweizer Volksabstimmung über "Ecopop" Vaterlandsliebe und Öko-Fundamentalismus

Zwei Schweizer Grenzbeamte bei der Arbeit an der Grenze zu Italien. Am kommenden Sonntag sollen die Eidgenossen darüber abstimmen, wie viele Menschen zukünftig im Land leben soll.

(Foto: REUTERS)

Wie viel Schweizer sind genug? Die radikale Öko-Bewegung "Ecopop" will die Einwanderung auf ein Minimum drosseln. Am Wochenende stimmen die Eidgenossen über eine Initiative ab, die ausgesprochen böse Züge annimmt.

Von Thomas Steinfeld

Am kommenden Wochenende, am 30. November, wird das "Volk" in der Schweiz über eine Initiative namens "Ecopop" abstimmen. Der Name ist Programm: "Écologie" und "population" verbinden sich zu einem Kofferwort, weil der Ökologie wegen in Zukunft nicht mehr Menschen in der Schweiz leben sollen, als das heute der Fall ist.

Auf 0,2 Prozent der vorhandenen Bevölkerung will eine gleichnamige Organisation, die sich der "Sicherung der natürlichen Grundlagen" verschrieben hat, die jährliche Zuwanderung beschränken. Zugleich soll, mit Mitteln, die dann von der Entwicklungshilfe abgezogen werden dürften, die Familienplanung gefördert werden (SZ vom 14. November). Darüber hinaus sorgt sich die Initiative um die Zersiedlung der Landschaft, die Überfischung der Weltmeere und das Bevölkerungswachstum in der ganzen Welt.

Praktisch wird sie aber nun an diesem Punkt: Nicht einmal ein Jahr, nachdem eine von Rechtspopulisten initiierte Volksabstimmung dazu führte, dass der Schweizer Staat zu einer nicht weiter bezifferten Verminderung der Einwanderung verpflichtet wurde, geht es nun um schlichten Bestandsschutz: Die acht Millionen Einwohner sollen acht Millionen bleiben - nur, dass das Argument dafür frei von allem Rassismus sein soll, weil die Ökologie an dessen Stelle getreten ist.

Aber wie viel ist zu viel? Ökologisch wie ästhetisch betrachtet, war die Schweiz sicherlich erträglicher, als sie, wie noch im späten neunzehnten Jahrhundert, hauptsächlich ein Agrarstaat war. Damals gab es Novartis noch nicht. Die Firma Ciba widmete sich der Seidenfärberei und kippte ihre Abwässer ungefiltert in den Rhein. Die Credit Suisse war eine Kreditanstalt zur Finanzierung des Eisenbahnbaus.

Mit den heutigen Verhältnissen komme man gerade noch zurecht

Aber das sind längst vergangene Zeiten, zu denen keiner mehr zurückkehren will. Warum eigentlich? In Monaco leben fast zwanzigtausend Menschen auf einem Quadratkilometer Boden, während es in der Schweiz zweihundert sind, und es geht ihnen gewiss nicht schlechter. Südlich der Sahara gibt es gerade einmal dreißig Menschen auf einem Quadratkilometer. Aber was bedeutet das? Warum acht Millionen - und nicht sieben oder neun? Ein erhebliches Maß von Willkür verbirgt sich in der Behauptung, ausgerechnet mit den heutigen Verhältnissen komme man so gerade noch zurecht.

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Zu viel Migration belastet die Natur der Schweiz zunehmend. Das behauptet zumindest die Initiative "Ecopop", über die an diesem Wochenende die Eidgenossen per Volksabstimmung abstimmen. Wird hier Umweltschutz missbraucht, um gegen Zuwanderung vorzugehen?   Diskutieren Sie mit uns.

Die Willkür ist so groß, weil solche Rechnereien von allen Gründen absehen, warum sich an einigen Orten sehr viele Menschen einfinden und es an anderen weniger sind. Die Schweiz etwa ist nicht nur deshalb so wohlhabend - und damit auch: so freundlich anzusehen -, weil dort so fleißige, ordentliche und ästhetisch gesonnene Bürger leben. Ein großer Teil des dort angehäuften Reichtums wird in ganzen anderen Gegenden der Welt erwirtschaftet, in kolumbianischen Bergwerken zum Beispiel, deren Erträge im Kanton Zug eingesammelt werden. Oder an irgendeinem anderen Ort der Welt, wo es Unternehmer, Spekulanten oder Politiker gibt, die ihr Geld lieber von einer sicheren, diskreten Bank verwaltet haben möchten als von heimischen Kreditinstituten.

Selbstverständlich führt dieser Reichtum dazu, dass Menschen aus anderen Ländern an ihm partizipieren wollen, sei es dadurch, dass sie gut ausgebildet sind und, aus durchaus eigennützigen Motiven, beim Anhäufen helfen wollen (solche Einwanderer waren auch in der Schweiz bislang eher willkommen), sei es dadurch, dass sie sich bislang durchs Leben eher haben kämpfen müssen und nun hoffen, dass beim Ausgeben etwas für sie abfällt.