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"Schilf" im Kino:Wenn alles existiert, was denkbar ist

Sobald nichts mehr verbindlich ist, kehrt die große Beliebigkeit ein. Schon im Kriminalroman "Schilf" von Juli Zeh waren die Charaktere kaum mehr als Spielfiguren einer Versuchsanordnung. In der Verfilmung des Buchs geistern sie nun verloren durch zahlreiche Paralleluniversen.

Anke Sterneborg

Wie dünn der Lack der Zivilisation ist, wie schnell ein Mensch zum Mörder werden kann, das hat das Kino immer wieder wirkungsvoll durchgespielt. Als der kleine Sohn des Quantenphysikers Sebastian (Mark Waschke) auf dem Weg zum Pfadfinderlager auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte verschwindet, genügt ein knapper Anruf, um den Vater dazu zu bringen, im Wald ein Stahlseil zu spannen, das einen Mann beim Vorbeiradeln enthauptet. Doch als die ermittelnde Polizei später im Pfadfinderlager anruft, stellt sich heraus, dass der Junge dort ordnungsgemäß abgegeben wurde. Ist alles nur ein böser Traum? Wahn oder Wirklichkeit? Wissenschaftliche Theorie oder grausame Realität?

Kinostarts - 'Schilf, alles, was denkbar ist, existiert'

"Wenn alles, was denkbar ist, auch tatsächlich existiert, dann wäre niemand für seine Entscheidungen verantwortlich!" Sebastian (Mark Waschke, links) und Oskar (Stipe Erceg) in "Schilf" von Regisseurin Claudia Lehmann: 

(Foto: dpa)

Als Wissenschaftler vertritt Sebastian die Viele-Welten-Theorie der Quantenphysik, der zufolge es nicht nur eine einzige, verlässliche Wirklichkeit gibt, sondern unzählige Möglichkeiten in zahllosen Paralleluniversen.

Doch in dem Moment, in dem Sebastian selbst mit verschiedenen Versionen seines Lebens konfrontiert ist, verliert er schnell den Boden unter den Füßen. "Wenn alles, was denkbar ist, auch tatsächlich existiert, dann wäre niemand für seine Entscheidungen verantwortlich!", wettert sein Studienfreund Oskar (Stipe Erceg).

Wenn nichts mehr verbindlich ist und Taten keine Konsequenzen haben, dann kehrt die große Beliebigkeit ein, und das ist nicht nur für die menschliche Existenz ein Problem, sondern erst recht für das Drehbuch eines Kinofilms. Verloren geistern die Charaktere, die schon in der Romanvorlage von Juli Zeh kaum mehr als Spielfiguren in einer Versuchsanordnung waren, durch ihre Theorien.

Claudia Lehman, die selbst promovierte Physikerin ist und schon in ihrem Kurzfilm "Memoryeffekt" zwischen Alptraum und Wirklichkeit balancierte, gelingt es, die Verbindlichkeit der Wahrnehmung durch Lichtreflexe, Spiegelungen und zittrige Kamerabewegungen zu erschüttern. Doch sie schafft es nicht, dem Tun und Lassen ihrer Helden Dringlichkeit zu geben.

SCHILF, D 2012 - Regie: Claudia Lehmann. Buch: Leonie Terfort, Claudia Lehmann. Nach dem Roman von Juli Zeh. Kamera: Manuel Mack. Schnitt: Nikolai Hartmann. Mit: Mark Waschke, Stipe Erceg, Bernadette Heerwagen. X Verleih, 90 Minuten

© SZ vom 10.03.2012/mapo/pak

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