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Salzburger Festspiele:Maria hilft

Verdis Politoper "Simon Boccanegra", dirigiert von Valery Gergiev, ist musikalisch ein Ereignis. Dafür gab es zu Recht Ovationen. Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg lässt hingegen zu wünschen übrig.

Die wildesten Begeisterungsstürme im Großen Festspielhaus von Salzburg lösten an diesem Abend die Gesangssolisten aus, das Orchester, der Dirigent, der Chor - die Musik. Das könnte man als Normalzustand für eine große italienische Oper wie Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" annehmen, ist aber leider nicht immer der Fall. Zumindest nicht in dem Maße, wie hier gleichermaßen dem Schönklang und der musikalischen Charakterdarstellung gehuldigt wurde. Das begann tatsächlich schon mit den ersten Takten aus dem Orchestergraben, noch bevor die Sänger auf die zweigeteilte Bühne aus Betonburg und Salon traten, lange bevor das recht verwickelte Drama seinen Lauf nahm.

Valery Gergiev gehört einerseits zu jenen viel beschäftigten Dirigenten, die gefühltermaßen an drei Orten gleichzeitig präsent sind; es gab Jahre, da flog er nachts von Salzburg zum Weiße-Nächte-Festival nach Sankt Petersburg und am nächsten Tag wieder zurück zu Proben im Festspielhaus. Andererseits gibt es wenige Dirigenten, die sich derart in ein Werk hineingraben und dabei die ausführenden Musiker ebenso genau studieren wie die Partitur. Da wird die Probenarbeit zu einer echten Entwicklungsphase, die in der Aufführung ihren Höhepunkt findet. Menschlich stressfrei, warmherzig, fachlich hoch konzentriert.

Die Wiener Philharmoniker sind herausragend, leuchten in jeden Klangwinkel

Gergiev genügen dann kleinste Signale in die Instrumentengruppen, um das gewünschte Klangergebnis zu erzielen. Das war an diesem Abend wirklich herausragend. Die Wiener Philharmoniker schienen sich mit dem Dirigenten und dem Werk geradezu verschworen zu haben, leuchteten in jeden versteckten Klangwinkel, spielten ihre ganze Souveränität und Opernerfahrung aus. Und dies, obgleich sie keineswegs im Vordergrund standen und auch nie versuchten, sich dorthin zu spielen, sondern weitestgehend den Sängerdarstellern dienten, dazwischen ebenso dezent wie intensiv Stimmungen zauberten. Keine Tonangeberei. Kein vorlautes Blech. Keine gewitternden Streicher. Stattdessen Klanghochkultur und Klangverständnis, Musikdrama und eine differenzierte Basis für den Gesang.

Letzterer kann und muss in dieser komplexen Politoper charakterlastiger sein als üblich, härter, schärfer, erschreckender, aber auch souveräner, Macht und Gewalt ausstrahlend. Luca Salsi in der Titelrolle des Simon Boccanegra, des Dogen von Genua, erfüllt diesen Komponistenwunsch, füllt die Rolle des besonnenen Herrschers perfekt aus, lebt geradezu die Zerrissenheit zwischen Selbstzweifeln und Selbstbewusstsein, Machtstreben und souveräner Nachgiebigkeit. Dafür hat ihm Verdi auch ein paar starke Szenen vorgelegt, vor allem eine der berühmtesten Wiedererkennungssituationen der Operngeschichte: wenn er nach 25 Jahren seine Tochter wiederfindet.

Simon Boccanegra

Große Oper, große Aufzüge: „Simon Boccanegra“, inszeniert von Andreas Kriegenburg im Bühnenbild von Harald Thor.

(Foto: Ruth Walz)

Amelia Grimaldi trägt den Namen der früh verstorbenen Mutter, als sie eines Tages vor ihm steht und beide ihr Glück kaum fassen können. Marina Rebeka beglaubigt die Rolle mit einem herben Sopran, der Kraft und Entschlossenheit ausstrahlt, gleichwohl auch besinnliche Töne einschließt. Amelia alias Maria wuchs elternlos auf, lernte - zeitloses Schicksal der Waisen - "den Zorn des Himmels kennen", und verliebte sich ausgerechnet in den aufbrausenden Gabriele Adorno, Feind des Dogen. Das trübt die Hochstimmung mächtig. Adorno, den Charles Castronovo als entschlossenen Kämpfer zeichnet, der zugleich zärtlichster Leidenschaft fähig ist, entgeht nur knapp der Hinrichtung. Maria hat's gerichtet - und ihn gerettet. Zuvor war Adorno auf Boccanegra losgegangen, auch da musste sie eingreifen, hat der Versöhnung und Menschlichkeit zu einem kleinen Sieg geholfen.

Der Bösewicht kippt vor der Hinrichtung schnell noch Gift ins Wasser des Dogen

Den will der vom Piraten zum Dogen aufgestiegene Boccanegra auch im Großen erreichen und das Friedensangebot aus Venedig annehmen. Doch die stolzen Genoveser Patrizier wittern Schwäche, sie wollen die Küste im Osten beherrschen und sind an einem Frieden nicht interessiert. Das Volk in Gestalt der hervorragenden Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor lässt sich mal von dieser, mal von jener Strömung mit- und hinreißen. Aber die Meinung der Mehrheit zählt im Geflecht aus Intrigen und politischer List kaum. So kommt es fast wie im richtigen Leben, die Guten verlieren, die Bösen triumphieren. Wäre es nicht doch große Oper, in der das Wunschdenken noch etwas hilft. Der gute Doge, der edle Übervater, begnadigt zwar seinen Gegenspieler Fiesco - René Pape mit wunderbar schwarzglänzendem Bass -, aber der Bösewicht Paolo Albiani (André Heyboer) wird zur Hinrichtung geführt. Zuvor hat er noch schnell Gift in die Wasserflasche des Dogen gekippt und damit für ein tragisches Ende der Oper gesorgt.

Boccanegra kann gerade noch seine Tochter verheiraten und seinen neuen Schwiegersohn, den einstigen Gegenspieler, zu seinem Nachfolger küren. Damit geht ein musikdramatisches Fest zu Ende, aber die gediegene, ein bisschen sterile Inszenierung von Andreas Kriegenburg mit geschäftigen Anzugträgern und twitternden Kostümfräuleins, blieb wie so oft dieses Jahr in Salzburg hinter den so naheliegenden Möglichkeiten zurück, aus einer genuin politisch angelegten Oper ein aktuell packendes Politdrama zu entwickeln.

Was man in Mozarts "Idomeneo" und auch in Händels "Alcina" vermisste, das fehlte auch hier: der Mut und die Konsequenz, einen gesellschaftsrelevanten, hier sogar hochpolitischen Plot packend zu inszenieren. Die Geschichte von Verdis Oper mit dem Libretto seines Lieblingsautors und Komponistenkollegen Arrigo Boito kann zwar personentechnisch durchaus verwirren, es sind ja auch noch Pietro (Antonio Di Matteo), der Armbrustschützenhauptmann (Long Long) und Chorstatisten zugange, alle in wechselnden Positionen und Beziehungen. In der Substanz aber ist sie doch wieder ganz klar: Der ganze Liebes- und Eifersuchtstrubel zieht im Zentrum immer engere Kreise, während um sie herum der Gesellschaftsvertrag des Staates Genua zur Disposition steht.

Es geht ums Ganze, um die staatliche Gemeinschaft, um Macht und Herrschaft

Boito hat dem Dogen beeindruckende Reden geschrieben: "Brudermörder! Plebejer! Patrizier! Volk mit wilder Geschichte! Erben des Hasses... ich weine über euch, über den friedlichen Glanz eurer Hügel, auf denen vergeblich der Zweig des Ölbaums blüht. Ich weine über die trügerische Pracht eurer Blumen, und rufe euch zu: Frieden! Und ich rufe euch zu: Liebe!"

Vom Piraten zum Dogen von Genua aufgestiegen: Luca Salsi brilliert in der Titelpartie des Simon Boccanegra.

(Foto: Ruth Walz)

Luca Salsi gelingt es hier, feines italienisches Pathos zu streuen, ohne ins Mussolinihafte abzurutschen und klar zu machen: Es geht nicht um privates Glück und emotionale Irrwege, und auch die Parallelschaltung von Familiendrama und Politstory ist schwächer als etwa im späteren "Don Carlos". Es geht ums Ganze, um die staatliche Gemeinschaft, um Macht und Herrschaft, Versöhnung und Gewalt. Die ist - ungewöhnlich für die Oper - diesmal ausschließlich männlich, Maria ist die einzige Frauenrolle, und sie verkörpert nichts als Liebe und Vergebung, sie ist die Heilige dieses politischen Schlachthofs.

Nicht nur für sie gab es am Ende Ovationen - leider schon in die wunderbar leise ausklingende Musik hinein, sondern eigentlich für alle. Für die Sänger, das Orchester und für Gergiev, der bereits zur zweiten Hälfte mit großem Applaus empfangen worden war. Zu Recht.