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Russischer Autor Sachar Prilepin:Er besingt das Russentum, aber als Kosmopolit

2005 erscheint "Sankja", eine Art Manifest der Nationalbolschewiken: Im Zentrum steht Sascha Tischin, ein junger Provinzler, der wie auf einer Eisscholle durch sein sterbendes Land treibt. Den Vater hat der Wodka hinweggerafft, seine Großeltern verleben ihre letzten Tage in einem verschwindenden Dorf. Angewidert von den Erwachsenen, die der Realität nur noch mit Zynismus begegnen, schließt sich Sascha dem "Bund der Schaffenden" an. Auf die Repressionen des Staates reagieren die Mitglieder mit Radikalisierung: Das Buch endet mit einem gescheiterten Revolutionsversuch.

Der leidenschaftlich-verzweifelte "Sankja" schlägt ein wie eine Bombe, aber Prilepin macht sich Feinde: Der Banker und Milliardär Pjotr Awen schimpft das Buch ein naives Revolutions-Pamphlet und schlägt dem Autoren und anderen Möchtegern-Revolutionären vor, lieber einen Baum zu pflanzen, ein Haus zu bauen und dem Kind abends Märchen vorzulesen. Dabei ist "Sankja" kein Aufruf zur blutigen Revolution - in den Köpfen der jungen Revolutionäre herrscht ideologische Verwirrung, und am Ende scheitern sie. Aber "Sankja" ist ein emotionales Ausrufezeichen gegen den Zynismus, den die Russen sich über die 90er Jahre angewöhnt haben.

Politisch bezeichnet Prilepin sich heute als "links-konservativ". Mit den russischen Liberalen verbindet ihn eine Hassliebe: Er wirft ihnen vor, dass sie in den 90er Jahren ihre Chance vertan haben, jene bezichtigen ihn einer nationalistischen Ideologie. Tatsächlich besingt Prilepin das Russentum, aber gleichzeitig ist er Kosmopolit. "Die Nationalisten in Russland sind allesamt durchgeknallte Verschwörungsfanatiker und Judenfresser", sagt er. Und dass er sich lieber auf dem Feld der Liberalen bewege.

Ein Preis wie "ein Unfall"

Er ist Chefredakteur der liberalen Nowaja Gaseta in Nischnij Nowgorod, er streitet mit ihnen im Radiosender "Echo Moskau", schreibt in den Hochglanzmagazinen der Hauptstadt. Der Gipfel der Hassliebe war der Juni letzten Jahres, als Prilepin den mit 100.000 Dollar dotierten Preis "Nationaler Bestseller des Jahrzehnts" erhielt - aus den Händen des Präsidentenberaters Arkadij Dworkowitsch, Ehrenvorsitzender der Jury. "Ein Unfall", sagt Prilepin. Aber ein bezeichnender: Denn Prilepin wird unter Tschetschenien-Veteranen ebenso akzeptiert wie in den höheren Moskauer Kreisen. Dutzende Male habe er schon in einer der Rubljowka-Villen gesessen: "Da erzählen mir die Vertreter der Beaumonde dann, dass sie auch schon lange die Schnauze voll haben vom Regime."

Allerdings haben auch seine weitreichenden Kontakte es nicht möglich machen können, "Sankja" zu verfilmen. "Schon drei Regisseure haben die Rechte gekauft, aber dann haben sie mir gesagt: Das geht nicht, du musst erst Surkow anrufen." Wladislaw Surkow, das ist der Kreml-Ideologe, der in den letzten Jahren die Generallinie der Medien bestimmte. Im Fall "Pathologien" schlug man Prilepin am Ende gar vor, die Handlung doch nach Abchasien zu verlegen. "Klar, in Tschetschenien herrscht Frieden, Putin bekommt dort 100 Prozent der Stimmen - so ein Film würde da nur stören", sagt Prilepin.

Er hat mit Hunderten Essays, Kurzgeschichten und Romanen gegen den Rückzug ins Private angeschrieben, gegen den ungeschriebenen Vertrag des Regimes mit den Bürgern, der besagte: Kauft Autos, fahrt in Urlaub, verdient Geld - aber haltet euch aus der Politik raus. In all seiner Paradoxität - am Erwachen der Gesellschaft hat Prilepin seinen guten Anteil.