"Überbitten" Irritiert von Stolpersteinen und Kinderspielplätzen

Die Stolpersteine in Deutschland irritieren Deborah Feldman.

(Foto: Catherina Hess)

In "Unorthodox" schildert Deborah Feldman, wie sie der Sekte ihrer Kindheit entkam. In "Überbitten" versucht sie, ihre Vergangenheit zu überwinden.

Von Cornelius Wüllenkemper

"Überbitten", ein im Deutschen seit Langem ungebräuchlicher Ausdruck, bezeichnet in seiner jiddischen Form "iberbeten" die Verpflichtung zur Versöhnung, das Überreden des Gegenübers zur Barmherzigkeit, wenngleich man sich der eigenen Schuld bewusst ist.

In der jüdisch-chassidischen Gemeinde in New York-Brooklyn, in der die Autorin Deborah Feldman die ersten 17 Jahre ihres Lebens verbrachte, diente das "Iberbeten" als eine Art Sicherheitsfunktion für die Vergebung von Sünden, die man eventuell unbewusst begangen haben könnte. An Fest- und Fastentagen, so erzählt Feldman in ihrem dritten Roman "Überbitten", befragt man Freunde und Nachbarn, ob man sie eventuell vor den Kopf gestoßen habe und bittet auch dann, wenn diese verneinen, prophylaktisch um Entschuldigung - um Gott nicht gegen sich aufzubringen.

"Überbitten" ist ein Erlebnisbericht aus dem Maschinenraum der Seele

Diese nicht eben lebensleichte Annäherung an die Frage nach Schuld und Verantwortung überträgt Feldman, die mit ihrem Erstling "Unorthodox" über ihre Flucht aus der Zwängen der ultraorthodoxen Gemeinschaft in New York 2012 einen Besteller landete, nun auf das Verhältnis zwischen orthodoxem Judentum und dem europäischen Erinnerungsdiskurs an den Holocaust.

Das ist schon aufgrund der bis heute gerade in West- und Osteuropa höchst unterschiedlich geführten Debatten über historische Schuld und gegenwärtige Verantwortung ein gewagtes Vorhaben. Deborah Feldman wuchs in der Vorstellung auf, dass der Holocaust eine von Gott verhängte Strafe gegen unfromme Juden gewesen sei und das Deutschsein bis heute das personifizierte Böse in der Welt repräsentiere.

Flucht von Brooklyn nach Berlin

Die jüdische Autorin Deborah Feldman erzählt, wie sie der religiösen Sekte ihrer Kindheit entkam. Und eine neue Heimat im verbotenen Deutschland fand. Von Harald Hordych mehr...

Sieben Jahre nach ihrer Flucht aus der chassidischen Gemeinde in Brooklyn, die ihren 120 000 Mitgliedern zwar eine gewisse Sicherheit, aber keinerlei Freiheiten zubilligt, reflektiert Feldman an der Seite ihres Berliner Lebensgefährten über die "unwahrscheinliche Eintracht" und darüber, dass sie sich zu allererst selbst dafür verzeihen muss, dem Glück so lange aus dem Weg gegangen zu sein.

"Überbitten" ist ein Entwicklungsroman par excellence, in dem die Autorin sich mithilfe ihres "eingewurzelten Glaubens an die Gesetze narrativer Entwicklung" für ein eigenständiges Leben rüstet. Nicht nur ihrem Publikum, sondern zugleich sich selbst erzählt sie die Geschichte ihrer eigenen Entfaltung vom Leben in strikter religiöser Unterwerfung bis zur Existenz als freie Autorin in Berlin-Neukölln. Ein Work in progress im engsten Sinne, an dem der Leser so unmittelbar Anteil hat, dass ihm nichts verborgen bleibt, vom Sex mit einem Nazi-Abkömmling bis hin zur schreibenden Verfertigung einer seelischen und identitären Orientierung.