Roman "The Girls" von Emma Cline Blumenkinder des Bösen

Die von Emma Cline beschriebene Sekte erinnert an den Kult um Charles Manson. Im Bild: Die Manson-Jüngerinnen Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten (von links) erscheinen 1970 vor Gericht, wo ihre Mittäterschaft am Mord an sieben Menschen verhandelt wird.

(Foto: AP)

Zwei Millionen Dollar Vorschuss bekam die völlig unbekannte Emma Cline für ihren Debütroman. "The Girls" erzählt von einem jungen Mädchen, das in die Fänge einer mörderischen Hippie-Sekte gerät.

Buchkritik von Franziska Wolffheim

Es gibt eine Reihe von Erklärungsmustern, warum Evie Boyd in den Sog einer sektenartigen Gemeinschaft geraten ist, damals, Ende der Sechzigerjahre. Sie ist jung, unsicher, ein unausgegorener Teenager, der ins Internat geschickt werden soll. Die Eltern frisch geschieden und unfähig, ihr dauerhaft Halt zu geben. Ein diffuser Hass treibt das junge Mädchen an, das Gefühl, von einer Gesellschaft betrogen zu werden, in der Sexismus allgegenwärtig ist. Evie sehnt sich nach Bestätigung, Komplimenten, will Aufmerksamkeit erregen, die sie nicht bekommt, zupft vergeblich ihren Ausschnitt tiefer, fühlt sich wie in einem Wartezimmer des Lebens, aus dem keiner sie abholt. Und nun?

Emma Cline liefert in ihrem großartigen Debüt eine Reihe sehr plausibler Gründe, warum jemand Opfer einer hermetischen Glaubensgemeinschaft werden kann. Darüber hinaus gibt es aber auch eine Botschaft zwischen den Zeilen, und die lautet: Es bleibt immer etwas Unbegreifliches, warum jemand die Kontrolle über sein Leben abgibt, sein ohnehin schwächelndes Ich anderen Menschen überantwortet. Und genau darin steckt das Unheimliche, das die Unterströmung dieses subtilen Romans ausmacht.

Emma Cline ist eine Autorin, die viele Fragen stellt, sie aber gar nicht unbedingt beantworten will. Wenn Evie Boyd, die Ich-Erzählerin des Romans, als Frau mittleren Alters reflektiert, was damals geschehen ist, stößt sie in ihrem Wunsch nach Selbsterkenntnis an Grenzen: Wie weit versteht man überhaupt den Menschen, der man damals in der fernen Vergangenheit war, wie weit bleibt er einem fremd? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.

Endlich ist da jemand, der sie wirklich anschaut und nicht durch sie hindurchblickt

Was Evie Boyd als 14-Jährige erlebt, ist die berühmte Begegnung, die das ganze Leben verändert. Es sind die "Girls", denen sie in einem Park über den Weg läuft: eine Gruppe junger Mädchen mit langen, ungepflegten Haaren und provozierend schäbigen Klamotten, die mit einer Attitüde herumlaufen, als würden sie über allem schweben. Evie, fasziniert von der demonstrativen Nonchalance der Mädchen-Gang, zieht bald zu ihnen in die Hippie-Kommune in den Hügeln Kaliforniens, in der deutlich mehr Frauen als Männer leben.

Sie verfällt der etwas älteren Suzanne, geschmeichelt, dass da endlich jemand ist, der sie wirklich anschaut und nicht durch sie hindurchblickt, wie sie es sonst ständig erlebt hat. Schließlich lernt sie auch Russell kennen, einen durchtriebenen Manipulator, der Evie verspricht, sie von ihrer Traurigkeit zu erlösen: den Verstand ausschalten, das Ich verschwinden lassen, den kosmischen Wind aufnehmen.

Doch es bleibt nicht bei diesen esoterisch verquasten Botschaften. Bald erteilt der Guru seinen Groupies einen verhängnisvollen Auftrag, bei dem auch Mord im Spiel ist. Man denkt dabei sofort an Charles Manson und seine mörderische Manson Family. Auch Manson hatte, wie Russell, seine Anhänger zu tödlichen Verbrechen angestiftet, ohne die Taten selbst begangen zu haben.