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Roman "Brief in die Auberginenrepublik":Wimmelbild von Schicksalen

Sieben Stationen durchläuft der Brief auf seinem Weg von Libyen über Ägypten und Jordanien in den Irak, drei davon allein in Bagdad. Jeder, der ihn in Händen hält, wird zum Erzähler. Eine schlichte Idee mit verblüffender Wirkung. Denn so erhalten wir nicht nur Einblick in sieben verschiedene Innenwelten, sondern erleben mit, wie selektiv der jeweilige Ich-Erzähler wahrnimmt, was um ihn herum geschieht. Wie in einem Reigen kehren Motive und Konstellationen wieder. Es wimmelt von Akademikern, die sich im Exil mit Hilfsjobs durchs Leben schlagen müssen.

Salim beispielsweise hat Vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet in Bengasi auf dem Bau. Und es wimmelt auch von Geschäftemachern, die aus der Not der anderen Kapital schlagen, wie jener Leiter eines Reisebüros in Kairo, das als Umschlagplatz der illegalen Sendungen fungiert, mit denen sich 10 000 bis 20 000 Dollar im Monat verdienen lassen, oder der Polizist, der in einem Bagdader Gefängnis Bestechungsgelder annimmt, weil er von einer kleinen Villa am Tigris träumt.

Opfer und Nutznießer des Regimes

Komprimiert auf engstem Raum, werden die Lebensläufe der sieben Ich-Erzähler mit lauter Binnengeschichten verzahnt. So entsteht eine Art Wimmelbild von Schicksalen, die sich allesamt nicht nach dem Muster von Gut und Böse sortieren lassen. Viele sind zugleich Opfer und Nutznießer der diktatorischen Regime, unter denen sie leben. Manches, was Abbas Khider in seinen ersten Romanen ausführlicher erzählt hat, setzt er nun mit wenigen Pinselstrichen ins Bild, etwa welche Nationalitäten in welchen arabischen Ländern Aufenthaltsgenehmigungen oder nur Transitvisa erhalten und wie sich sogar deren Dauer nach dem Stand der Beziehungen ihrer Despoten richtet; noch sind Saddam Hussein, Gaddafi, Mubarak, Hafis al-Assad und Abdullah II. bin al-Hussein an der Macht.

Kriegsbilder aus Syrien

Im Gefechtsstaub von Aleppo

Da kommen beispielsweise auf dem Weg von Bengasi nach Kairo ein Syrer und drei Ägypter zusammen, die im Schutzraum eines Taxis offen miteinander reden, bevor der Syrer an der libyschen Grenze abgefangen wird. Auf einer anderen Station des Briefes kauft der irakische Lkw-Fahrer in Amman noch ein Spielzeug für seinen Enkel. Er fühlt sich schuldig am Tod seines Sohnes, den er am Ende des irakisch-iranischen Kriegs zurück an die Front schickte, weil er fürchtete, als Deserteur verliere er seinen Medizin-Studienplatz. Als er nach dem Einkauf in einem Taxi sitzt, muss er sich die Lobeshymnen des jordanischen Fahrers auf Saddam anhören. Dabei erfahren wir auch, was es mit dem Titel auf sich hat: während des Handelsembargos gegen den Irak waren Auberginen das Einzige, was jederzeit und im Überfluss vorhanden war. Der Jordanier attestiert dem Iraker prompt, er gehöre zu einem "lustigen Völkchen", wenn es solche Spitznamen für ein Land findet, das einst zum stolzen Mesopotamien gehörte.

Porträt des Alltags in den arabischen Diktaturen

Dass die illegalen Briefsendungen schließlich doch in den Händen der Sicherheitspolizei landen, die sie nach der Auswertung weiterleitet, ist nur eine der vielen Pointen des Romans, die meist in der Schwebe zwischen Tragik und Komik bleiben. Die Einfühlungsgabe des Autors ist erstaunlich. Selbst der Oberst des Geheimdienstes, dessen Familie mit Saddam Hussein verkehrt, darf bei aller Brutalität ein fürsorglicher Familienvater sein. Seine Frau immerhin - sie ist die einzige Erzählerin - begreift bei der Lektüre von Salims Brief, den sie vom Schreibtisch ihres Mannes entwendet, dass ihr saturiertes Leben auf Kosten anderer geht. Um ihn eigenhändig zuzustellen, fährt sie zum ersten Mal nach Saddam City und ist völlig überrascht von dem Elend, das sie bisher nicht zur Kenntnis nahm.

Abbas Khider gelingt ein flimmerndes Porträt des Alltags in den arabischen Diktaturen. Doch haben die Schicksale, die er aufruft, etwas Ephemeres. Ohne das Hintergrundwissen seiner früheren Bücher bleiben sie nicht im Gedächtnis haften. Denn er greift auch dort zur Verknappung, wo Entfaltung notwendig wäre. Schmerzlich vermisst man den erzählerischen Übermut seines ersten Romans und das schöne Schweben zwischen Nüchternheit und Poesie, das die Sprache seines zweiten Romans auszeichnete. Aber warum sollte man ihm nicht auch einmal ein Nebenwerk zugestehen? Das nächste Hauptwerk kommt bestimmt. Wahrscheinlich muss er dafür auf eine innere Reise gehen.