Neues Buch des Evolutionsbiologen Dawkins scheitert an seinem eigenen Anspruch

Die Arme verschränkt, das Kinn hochgereckt und energisch: Richard Dawkins auf dem Cover seines neuen Buches: Forscher aus Leidenschaft (Ullstein Verlag, 26,- Euro)

(Foto: Ullstein Verlag)
  • Richard Dawkins ist der bekannteste Evolutionsbiologe unserer Zeit.
  • Er ist auch überzeugter Atheist und umstrittener Kämpfer gegen Religion und Obskurantismus.
  • In seinem umfangreichen Band "Forscher aus Leidenschaft - Gedanken eines Vernunftmenschen" versammelt er eine große Anzahl seiner Aufsätze, Reden und offenen Briefe.
Von Burkhard Müller

Dieses Jahr hat uns außer dem Vermächtnis von Stephen Hawking, dem berühmtesten Physiker der Gegenwart, nun auch ein entsprechendes Buch von Richard Dawkins beschert, dem heute renommiertesten Biologen, der zwar schon 77 Jahre alt, aber noch recht rüstig beieinander ist. Zusammen haben die beiden, Dawkins und Hawking, über Jahrzehnte hinweg die Doppelspitze im Olymp der populären Naturwissenschaft gebildet. Der Titel des umfangreichen Bandes, der eine große Anzahl von Aufsätzen, Reden, offenen Briefen und so weiter versammelt, verkündet im Ton letztgültiger Summierung: "Forscher aus Leidenschaft - Gedanken eines Vernunftmenschen" (im englischen Original "Science in the Soul - Selected Writings of a Passionate Rationalist").

Mensch und Forscher, Vernunft und Leidenschaft sollen also mit gleichem Nachdruck zu Wort kommen. Zu viel versprochen ist das nicht. Es tritt hier wirklich der ganze Dawkins auf: der hochgeehrte und doch umstrittene Wissenschaftler; der noch umstrittenere Kämpfer gegen Religion und Obskurantismus, der keine öffentliche Auseinandersetzung scheut; und schließlich auch der Privatmann.

Seine Antwort auf die zentrale Frage ist kühn wie konsequent - aber falsch

Der Wissenschaftler gibt noch einmal in gedrängter Form die Darstellung seiner These vom egoistischen Gen, der er seinen Ruhm verdankt. Nicht der einzelne Organismus kämpfe letztlich ums Überleben, dieser sei lediglich eine "Überlebensmaschine", zeitweiliger und stets zum Tod verurteilter Träger der eigentlichen "Replikatoren", der Gene. Dawkins betont immer wieder auch in diesem Buch, dass es wichtiger sei, die richtige Frage zu stellen, als eine bestimmte Antwort zu finden. Die richtige Frage stellt er zweifellos, sie lautet: Wer ist, auf die erhebliche Länge des Prozesses gerechnet, das eigentliche Subjekt, der Nutznießer der Evolution?

Seine Antwort darauf ist ebenso kühn und konsequent wie falsch, weil in ihr elementare Denkfehler stecken, die hier leider nicht nachgezeichnet werden können; es muss die Feststellung genügen: Hätte er ein Viertel des Scharfsinns, den er zur Erledigung seiner schärfsten Gegenspielerin aufbringt, der Theorie von der Gruppenselektion, für sein eigenes Werk verwendet, sie wären ihm aufgefallen.

Dawkins ist ein heroischer Vertreter der Wissenschaft. Zum Heroismus gehört es, dass er die eigenen Voraussetzungen nicht bedenkt. Zu Recht insistiert er, dass jeglicher Befund, der Anspruch erhebt, allgemein zu gelten, der Nachprüfbarkeit innerhalb des Systems unterliegen muss. Doch er hat kein Auge für den Wandel des Systems. Wenn er sein Bedauern äußert, dass ein so genialer Kopf wie Aristoteles dennoch die Lehre von der Evolution verfehlte, so zeigt dies vor allem, dass ihm der Sinn für die historische Bedingtheit dessen abgeht, was als Wahrheit und als Erklärung gilt. Das Ältere, Vorangegangene kann er nur als rätselhafte Umnachtung deuten.

An einer Stelle stößt, was Dawkins Vernunft nennt, an seine Grenze

Und er verschwendet keinen Gedanken daran, warum Darwin ausgerechnet im 19. Jahrhundert auftrat, dann aber sogleich durchschlagenden Erfolg erzielte. Die Evolutionstheorie komplettierte das bereits etablierte naturwissenschaftliche Weltbild, indem sie ihm gewaltsam auch den widerspenstigsten Teil der Welt unterwarf, das Lebendige - eine Gewalt, die Dawkins aus seinem wissenschaftlichen Bewusstsein verdrängt.

Stattdessen zitiert er fröhlich "die ersten Worte aus meinem ersten Buch" (man assoziiert Dagobert Duck und seinen ersten selbstverdienten Taler): "Sollten jemals höher entwickelte Lebewesen aus dem Weltraum die Erde besuchen, so werden sie, um unsere Zivilisationsstufe einzuschätzen, zuerst die Frage stellen: ,Haben sie die Evolution schon entdeckt?'" Dass diese Aliens die Evolutionslehre nicht mehr kennen könnten, so wie Aristoteles sie noch nicht kannte, liegt außerhalb seines Horizonts. Hier stößt, was er Vernunft nennt, an seine Grenze.