Nachruf:Kritischer Pragmatiker

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Nachruf: Zu Bernsteins besten Büchern zählen die Analysen zu Hannah Arendts "jüdischer Frage" und zur philosophischen Bedeutung von Sigmund Freuds Streitschrift "Der Mann Moses".

Zu Bernsteins besten Büchern zählen die Analysen zu Hannah Arendts "jüdischer Frage" und zur philosophischen Bedeutung von Sigmund Freuds Streitschrift "Der Mann Moses".

(Foto: New School for Social Research)

Zum Tod des amerikanischen Philosophen Richard J. Bernstein.

Von Thomas Meyer

Deutsche Leser lernten den Philosophen Richard J. Bernstein in den Siebzigern als Vermittler kontinentaler und amerikanischer Theorien kennen. In seinem Buch "Praxis und Handeln" lieferte er 1975 eine hellsichtige Übersicht über marxistische, existenzialistische, pragmatische und analytische Positionen zu den beiden Begriffen und ihrem in scharfer Ablehnung erstarrtem Verhältnis. Vier Jahre später erschien mit "Restrukturierung der Gesellschaftstheorie" der Versuch, einer sich zunehmend an den Methoden der Naturwissenschaften orientierenden Soziologie den Weg aus der selbstgewählten Sackgasse zu weisen. Doch nicht nur dies beschäftigte Bernstein.

Immer ging es ihm darum, ein Gemeinsames ausfindig zu machen, dass das Beste aus kritischer Theorie, pragmatischen und analytischen Ansätzen vereint: "Letztlich haben wir es nicht miteinander ausschließenden Alternativen zu tun: entweder empirische Theorie oder verstehende Theorie oder kritische Theorie. Vielmehr herrscht eine innere Dialektik in der Restrukturierung in der Gesellschaftstheorie: Wenn wir eines ihrer Momente durcharbeiten, stellen wir fest, daß alle anderen Momente implizit sind. Eine adäquate Gesellschaftstheorie muß empirisch, verstehend und kritisch sein."

Nicht bloße eine, sondern alle verfügbaren Philosophien wollte er genutzt sehen für das fragile Wesen namens Mensch

Bernstein war so zeitlebens ein kritischer Pragmatiker und nicht nur als solcher einer der bedeutendsten amerikanischen Philosophen der vergangenen 50 Jahre. Er prüfte in zahlreichen Büchern beständig, ob die zitierte Einsicht nicht bloß Ausdruck einer Hoffnung, sondern vielmehr in der Sache selbst gerechtfertigt war. Seine zahlreichen Studien etwa zu John Dewey, Fragen der Gewalt oder dem Zustand der amerikanischen Demokratie galten nicht zuletzt dem Nachweis, dass alle verfügbaren Philosophien für das fragile Wesen namens Mensch genutzt werden müssen, die dessen natürliche Vielgestaltigkeit nicht nur anerkennen, sondern zum Ausgangspunkt machen. Dazu klagte Bernstein, etwa in den Diskussionen um eine gerechte Gesellschaft, immer wieder ein, dass die konkreten sozio-ökonomischen Bedingungen Maßstab für die Bewertung der Tauglichkeit von Theorien sein müssen.

Wer so universell denkt, der konnte sich natürlich auch Fragen nach der Rolle der Religion nicht verschließen und so gehören zu Bernsteins besten Büchern denn auch Analysen zu Hannah Arendts "jüdischer Frage" und zur Bedeutung von Sigmund Freuds Streitschrift "Der Mann Moses" für die Philosophie der Gegenwart.

Getragen waren sämtliche seiner Interventionen von einem ungeheuren Interesse an seinem Gegenüber. Die seit 1972 bestehende enge Freundschaft mit Jürgen Habermas übertrug sich auf die zahlreichen Schülerinnen und Schüler von beiden und führte zu fruchtbaren Diskussionen. Am 4. Juli verstarb der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in seiner Geburtsstadt New York, nur wenige Wochen nachdem man ihn in seiner geliebten New School for Social Research anlässlich seines 90. Geburtstags noch gefeiert hatte.

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