Österreich:Fliegende Fetzen

Jack - Photocall - 68th Locarno Film Festival

Würde gern eine neue "filmpolitische Ära" einläuten: Die Regisseurin Elisabeth Scharang.

(Foto: Urs Flueeler/picture alliance / dpa)

Natürlich drehen österreichische Regisseurinnen Filme. Nur meist etwas kleinere und billigere. Braucht man also doch eine Quote? Über die jüngste Wendung in einem bekannten Streit.

Von Cathrin Kahlweit

Elisabeth Scharang ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Moderatorin; ihr Film über den Serienmörder Jack Unterweger wurde mehrfach ausgezeichnet. Scharang war bis vor Kurzem auch Vorstandsmitglied im österreichischen Verband Filmregie. Dann ist sie gemeinsam mit vier Dutzend Mitgliedern, die meisten Frauen, ausgetreten. Darunter sind renommierte Filmemacherinnen wie Barbara Albert, Ruth Beckermann, Marie Kreutzer, Eva Spreitzhofer oder Mirjam Unger. Die "Secessionistinnen und Secessionisten", wie sie in österreichischen Medien in Anspielung auf die Abspaltung von Künstlern rund um Gustav Klimt und Josef Hoffmann vom konservativen Wiener Künstlerhaus 1897 genannt werden, fordern "Gleichstellung und eine Geschlechterquote in der Vergabe von Fördermitteln". Unter dem Hashtag "#die_regisseur*innen" argumentieren sie in einem Manifest, es sei "an der Zeit, eine filmpolitische Ära einzuläuten, die auf Gleichberechtigung, Transparenz und gegenseitigem Respekt" beruhe.

Die Rede ist auch von einer möglichen Spaltung der Organisation, aber de facto scheint dieser Schritt bereits vollzogen zu sein. Einer der Anlässe: Für den Aufsichtsrat des Österreichischen Filminstituts (ÖFI), das unter anderem besagte Fördermittel vergibt, war Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer nicht erneut Scharang, sondern der Regisseur David Schalko vorgeschlagen worden. Also ein Mann. Das Büro von Andrea Mayer lässt dazu ausrichten, es sei "gängige Regel", dass die Regierung dem Vorschlag folge. Viele Künstlerinnen bedauerten das und waren der Meinung, dass sich Mayer hätte anders entscheiden können und müssen.

Aber natürlich geht der Streit viel tiefer, und er schwelt seit Jahren. Bereits im März 2020 hatten einige Verbandsmitglieder im Filmmagazin Ray darüber berichtet, dass das Österreichische Filminstitut eine Richtlinienänderung vorgelegt habe, mit der eine "gendergerechte Aufteilung des Budgets an Männer und Frauen über die Zuteilung auf die drei Key Departments Regie, Drehbuch, Produktion in den kommenden drei Jahren erreicht werden" solle.

Scharang sagte damals, bei einer außerordentlichen Generalversammlung des Verbandes, also der Interessenvertretung der Regisseure und Regisseurinnen, hätten daraufhin etwa hundert Mitglieder hart und emotional über dieses Thema diskutiert, was auch daran liege, dass die Frage der Gendergerechtigkeit schon "seit nunmehr fünf Jahren auf dem Tisch" liege. Vor allem in der Regie fehlten Frauen "im breiten Mainstream und dort, wo mit höheren Budgets gearbeitet" werde, "vom Tagesgeschäft im Fernsehen bei Serienregie mal ganz abgesehen". Die Förderinstitutionen selbst müssten die Richtlinien festlegen, wenn sich etwas ändern solle.

Auch in Deutschland wird die Debatte über die Diskriminierung von Frauen in Film und Fernsehen seit vielen Jahren geführt; vor wenigen Monaten hatte die Malisa-Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler zum zweiten Mal eine Studie dazu vorgelegt; die Essenz laut Tagesspiegel: "Weiße Männer machen Fernsehen".

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Noch ein Mann auf hohem Posten? Der Regisseur David Schalko.

(Foto: Michael Sohn/picture alliance/dpa/POOL AP)

In Österreich wurde im Spätfrühling 2021 tatsächlich eine "Gender- Budgeting-Regelung" für die Fördermittelvergabe am ÖFI mit seinen 21,5 Millionen Euro Jahresbudget beschlossen. Aber: Die neuen Bestimmungen legten fest, erklärt Direktor Roland Teichmann, dass die Basis der Förderentscheidungen nach wie vor "die qualitative inhaltliche, künstlerische und wirtschaftliche Beurteilung der Projekte" bilde. Die Zielvorgaben seien aber wichtig, um die Einreichquote von Projekten mit weiblicher Beteiligung in den Positionen Produktion, Drehbuch und Regie von derzeit rund 30 Prozent schrittweise anzuheben.

Also: eine weiche Quote, verknüpft im besten Falle mit Goodwill. Das bestätigt auch Iris Zappe-Heller vom ÖFI, die aber dennoch betont, dass das einerseits so gewollt gewesen sei, andererseits ein "ganzer Mix aus Maßnahmen" in der Quotenfrage greife. Der Dissens darüber, wie Mittelvergabe und Quotierung in Einklang zu bringen seien und wie sich der Verband hätte positionieren müssen, blieb aber in der Interessenvertretung weiter bestehen; bei einer Generalversammlung im September flogen die Fetzen. Nun zogen zahlreiche Künstlerinnen und einige Künstler die Konsequenz.

Die Regisseurin Sabine Derflinger war schon vor sechs Jahren aus dem Verband ausgetreten, weil sie damals den Eindruck hatte, dass sich zu wenig bewegt. Sie war die erste Frau, die in Österreich einen Tatort drehen durfte, "und allein das hat mich sechs Jahre Vorarbeit gekostet", sagt sie. Sie war selbst einmal Obfrau des Regieverbandes gewesen, mochte aber diese Sisyphusarbeit nicht mehr leisten. Österreich sei ein patriarchalisches Land, betont sie, und der Status quo in der Filmindustrie schwer zu verändern.

Sie ist Fan des "FC Gloria", eines Netzwerks von Frauen der österreichischen Filmbranche. Sein Ziel: die Quote. Auf der Webseite heißt es: 40 Prozent der Studierenden an der Filmakademie Wien seien Frauen; es gebe daher genug gut ausgebildete Frauen, um "mit einer Einführung der Quote zeitnah 40 Prozent des Geldes an Frauen vergeben zu können". Gegründet hatte sich FC Gloria 2010. Nun, elf Jahre später, gibt es ein wenig Bewegung. Am 11. November wird im Filmquartier in Wien der zweite Film "Gender Report" des ÖFI und der Universität Innsbruck vorgestellt. Die Frage in der Ankündigung heißt: "Braucht Film Quote?"

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