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Kirchenmusik:"Es gibt ganz hervorragende Mädchenchöre"

ARD Immer wieder Sonntags Die Regensburger Domspatzen während der ARD Unterhaltungsshow Immer w

Der Regensburger Domchor (hier ein Fernsehauftritt) ist über 1000 Jahre alt und wurde erst in der Neuzeit unter dem Label Regensburger Domspatzen bekannt.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Christian Heiß ist der neue Chef der Regensburger Domspatzen. Ein Gespräch über natürliche Autorität und die Frage, warum es auch mit ihm keine Domspätzinnen geben wird.

Die Regensburger Domspatzen haben einen neuen Chef. Christian Heiß, 52, tritt mit dem neuen Schuljahr seinen Dienst als Domkapellmeister an. Für ihn ist es eine Rückkehr: Im Jahr 1986 absolvierte er seine Gymnasialzeit bei den Domspatzen. Unter Georg Ratzinger war er mehrere Jahre als Sopransolist aufgetreten, nach dem Stimmbruch sang er im Bass. Im Jahr 2002 wurde Heiß Domkapellmeister in Eichstätt, nun folgt er Roland Büchner nach, der nach 25 Jahren in den Ruhestand ging.

SZ: Herr Heiß, die Katholische Nachrichtenagentur KNA hat Ihre neue Stelle als eines der wichtigsten Ämter in der Kirchenmusik bezeichnet. Wäre ein Vergleich mit dem Chefposten bei den Berliner Philharmonikern, der für Orchesterdirigenten das Maß aller Dinge ist, zu hoch gegriffen?

Christian Heiß: In der katholischen Kirchenmusik ist das Regensburger Domkapellmeister-Amt tatsächlich so etwas wie das Ziel, der Endpunkt einer Laufbahn. Auf die Domspatzen schaut man halt. Drüber gibt es für mich nichts. Ich wüsste jedenfalls nichts mehr, was ich anstreben könnte. Regensburg hat in der katholischen Kirchenmusik nach wie vor eine wesentliche Bedeutung.

Was macht dieses Amt so besonders?

Das Entscheidende ist, dass man mit den Menschen, mit denen man musikalisch arbeitet, jeden Tag zusammen ist. Das gibt es im Bereich der katholischen Kirchenmusik sonst nirgends. Das ist beneidenswert. Wer in der Kirchenmusik mit Chören arbeitet, hat sie in den allermeisten Fällen einmal pro Woche vor sich. Und wenn dann manche nicht kommen können, braucht man gute Nerven.

Christian Heiß

Der 52-jährige Christian Hess ist der neue Regensburger Domkapellmeister und damit auch der Chef der dortigen Domspatzen, einem der berühmtesten Bubenchöre der Welt.

(Foto: © Christian Klenk)

Unter Ihrem Vorvorgänger Georg Ratzinger war der Chor für sein mystisches Pianissimo bekannt, Ihr Vorgänger Roland Büchner legte Wert auf einen großen Klang. Was bringt die Ära Heiß?

Es gibt eine Klangtradition, mir kommt es darauf an, dass der Domspatzen-Klang präsent ist und klar bleibt. Und ich liebe es sehr dynamisch, hier will ich die ganze Bandbreite vom Fortissimo bis zum Pianissimo abbilden. Bestimmt wird auch das Repertoire, das ich wähle, den Stil prägen. Wobei die Erwartungen an den Domkapellmeister durch die Stellenbeschreibung vorgegeben waren, die Schwerpunkte liegen auf Vokalpolyphonie und Gregorianik.

Sie komponieren selbst. Geht das in Regensburg überhaupt noch?

Das lasse ich auf mich zukommen. Zeitgenössische Vokalmusik wurde bei den Domspatzen schon unter Ratzinger gefördert. Roland Büchner vertonte zum Beispiel Spirituals - wie ich gelegentlich auch. Wir müssen in der Kirchenmusik sehr offen sein. Sie ist eine der wesentlichen Möglichkeiten, Menschen überhaupt noch mit geistlichen Inhalten zu erreichen.

Sie sind musikalisch mit Palestrina, Orlando di Lasso und Rheinberger aufgewachsen, und jetzt vertonen Sie Gospels?

Nein, mein Schwerpunkt liegt auf Kompositionen für die Liturgie, auf Messen, Motetten und Liedsätzen in unterschiedlichen Besetzungen. Kürzlich hatte ich den Auftrag für eine große "Ave verum"-Komposition. Mich hat Rheinbergers achtstimmige "Cantus Missae" geprägt, genauso die Bach-Motetten, von denen wir unter Ratzinger jedes Jahr eine im Programm hatten. Aber ich halte die Augen und Ohren immer offen. Wichtig ist, dass wir die Menschen von klein auf für Musik begeistern. In erster Linie ist es für die Menschen selbst wichtig, und dann erst für die Kirche. Ich selbst bin schon vor Kindern gestanden, die bis dahin kaum ein Wort mit anderen sprechen konnten. Durch die Musik haben sie Selbstvertrauen geschöpft. Und je mehr man Musik macht und je mehr Stile man kennenlernt, desto besser wird das Gespür für echte Qualität.

Wie kommen Sie als Künstler mit der kirchlichen Hierarchie zurecht?

Ein Von-oben-nach-unten habe ich persönlich noch nie so gravierend erlebt. Die Kirche ist für mich so etwas wie ein Zuhause. Ich bin kirchlich sozialisiert. Ich lebe und leide auch mit ihr und ich setze mich mit ihr ernsthaft auseinander. Denn sie ist es mir wert. Klar ist: Die Kirche muss sich mehr als früher anstrengen, an den Menschen dranzubleiben. Da ist gerade die Kirchenmusik ein wunderbares Medium.

Sie haben gesagt, dass Sie in Ihrer Zeit als Domspatz keinen Fall von Missbrauch mitbekommen haben. Sie erlebten aber mit Georg Ratzinger einen sehr cholerischen Chorleiter. Welche Pädagogik pflegen Sie?

Ich kann mich gut an Georg Ratzingers Abschiedsrede erinnern. Am Ende gab er selbstkritisch zu, dass er ein Mensch sei, der gelegentlich überreagiere. Er war ein Chorleiter, der - auf gut Bairisch gesagt - "narrisch" werden und mit Stress nicht besonders gut umgehen konnte. Ich hänge nicht an einem starren Konzept. Ein Chorleiter braucht eine natürliche Autorität und eine grundsätzliche Freundlichkeit. Disziplin muss er verlangen können. Ohne die ist nirgends etwas zu erreichen, weder im Sport noch in der Kunst. Aber ich will sie auf eine natürliche Weise herstellen.

Im August wollte eine Mutter in Berlin ihre Tochter in einen Knabenchor einklagen. Sie scheiterte vor Gericht. Können Sie sich Domspätzinnen vorstellen?

Die Domspatzen sind und bleiben der weltbekannte Knabenchor auf höchstem Niveau. Sie sind der Markenkern der Regensburger Dom-Musik. Aber es gibt ganz hervorragende Mädchenchöre an anderen deutschen Kathedralen, in Köln zum Beispiel oder in Bamberg und Würzburg. Ich habe selbst sehr viel mit Mädchen gearbeitet und für sie komponiert.

Halten Sie es für denkbar, dass ein Mädchenchor auf dem Platz der Domspatzen, am Hochaltar des Regensburger Domes steht und die Liturgie musikalisch bestreitet?

Warum denn nicht? Das Niveau ist keineswegs geringer als in Bubenchören, die Mädchenstimmen bieten im Repertoire ganz eigene Möglichkeiten. Sie machen fantastische Musik. In Regensburg entsteht derzeit unabhängig von den Domspatzen eine Mädchenkantorei. Warten wir ihre Entwicklung ab. Es ist ja liturgisch oder dogmatisch nicht festgeschrieben, dass in der Kirche nur Knaben singen dürfen.

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