Redigier-Krieg auf Wikipedia Frauen sind keine Schriftsteller

Streit über die richtige Enzyklopädie: Weil ein Wikipedia-Schreiber US-Autoren nach Geschlecht sortiert, kommt es zu einem Krieg um die Einträge. Denn die Hervorhebung des Attributs "Frau" empfindet manche US-Schriftstellerin als Abwertung - und stößt auf Unverständnis.

Von Thomas Steinfeld

Am Tag nach Ostern saß einer der vielen freiwilligen Mitarbeiter der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ein Student der Geschichte an der Wayne State University in Michigan, an seinem Computer und begann aufzuräumen. Der Eintrag "American novelists" ("amerikanische Schriftsteller") war ihm zu unübersichtlich geworden. Deshalb nahm er einen älteren, aber nicht genutzten Eintrag wieder auf: "amerikanische weibliche Schriftsteller" und fing an bei den Schriftstellerinnen, deren Familienname mit "A" beginnt: "Patricia Aakhus", "Hailey Abbott" . . .

Am Ende eines langen Tages war er bei "D" angekommen und hatte es nebenbei noch geschafft, ein wenig Systematik in die Geschlechterverhältnisse englischer, australischer, deutscher und marokkanischer Schriftsteller zu bringen.

Es dauerte ein paar Tage, bis vor allem Leserinnen auf die neue Ordnung aufmerksam wurden: Amanda Filipacchi, im deutschen Sprachraum vor allem wegen ihres Romans "Nackte Männer" (Haffmanns Verlag, 1993) bekannt, schrieb daraufhin einen Kommentar, der in der New York Times unter dem Titel "Wikipedias Sexismus gegen Schriftstellerinnen" veröffentlicht wurde und einen Aufschrei auslöste.

"Die Vorurteile von Wikipedia sind eine genaue Spiegelung der allgemeinen Vorurteile", twitterte daraufhin Joyce Carol Oates, eine der bekanntesten amerikanischen Schriftstellerinnen.

Die Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter von der Universität Princeton antwortete: "Wikipedia vermindert die Zahl der amerikanischen Schriftsteller, indem die Frauen entfernt werden! Wieder ein Schritt zurück!"

"Die Aufregung geht an der Sache vorbei"

Der einsame Wikipedia-Mitarbeiter, auf dessen Eingriffe die Empörung zurückging, verstand derweilen gar nichts: "Die ganze Aufregung geht wirklich an der Sache vorbei", erklärte er einem Journalisten von der New York Review of Books, "die Leute, die hier den Krawall veranstalten, haben keine Ahnung, was es für den Betrieb bedeutet, wenn wir Kategorien nicht teilen."

Zwei Ordnungen treffen hier aufeinander. Die eine gehört zum Konflikt der Geschlechter. In ihr bedeutet eine Nennung des Geschlechts einen Ausschluss: Wer von vornherein als Schriftstellerin kategorisiert ist, kann also nicht gleichzeitig an der Allgemeinheit des Berufes teilhaben, also bloß Schriftsteller sein - wobei diese Differenz im Englischen deutlicher ist, weil es das Suffix "-in" nicht gibt und das Geschlecht meist durch ein Adjektiv ("male" oder "female") oder durch ein zusätzliches Substantiv ("men" oder "women") ausgedrückt wird. Die Heraushebung des Attributs "Frau" wird also als Abwertung verstanden.

Die andere Ordnung gehört zur Systematik des Internets im Großen und zur Ordnung Wikipedias im Kleinen: Da das Internet, im Unterschied selbst zur dicksten gedruckten Enzyklopädie, unendlich groß ist und jeder Lexikoneintrag zumindest potenziell unendlich lang sein kann, muss möglichst fein geteilt werden.

Von vornherein ein Irrtum

Es kommt hinzu, dass alle Einträge grundsätzlich gleich sind, also separat aufgerufen werden können, und jeder Versuch, sie in eine hierarchische Ordnung zu bringen - etwa in Gestalt einer "Baumstruktur" -, schnell an seine Grenzen stößt.

Deswegen war der Student an seinem Computer so blind gewesen, deswegen waren die feministischen Kommentare so vorhersehbar, und deswegen war die Reaktion, neben der Kategorie "women writers" nun auch die Kategorie "men writers" einzuführen und den Eintrag "writers" fallen zu lassen, von vornherein ein Irrtum.

Bei solchen Einsichten hätte man es bewenden lassen können - wenn das Internet denn nicht eben auch ein bevorzugtes Medium für Schmähungen wäre. Am vergangenen Sonntag jedenfalls veröffentlichte die New York Times einen zweiten Artikel Amanda Filipacchis.

Darin beschreibt sie, was ihr nach ihrem ersten Artikel widerfuhr: Der ihr gewidmete Eintrag bei Wikipedia wurde gekürzt, Links zu Interviews und Rezensionen wurden gelöscht, die Buchvorstellungen gekappt. Nicht einmal die Einträge zu ihren Eltern blieben unangetastet. "Revenge editing" ("aus Rache redigieren") nennt man dieses Verfahren, das manchmal in einem "editing war" ("Redigierkrieg") endet. Nach manchem Hin und Her entsteht aus einem derartigen Konflikt zuweilen ein Eintrag, den man sachlich nennen könnte.

"Die Vergeltung wird kommen"

Solche Auseinandersetzungen werden bei Wikipedia in einem Annex zum jeweiligen Artikel dokumentiert. Und in Kommentaren geht es nun nicht mehr nur um männliches oder weibliches Schreiben oder um die Integrität einer Schriftstellerin, sondern auch um die New York Times, die ein Mitarbeiter der Internet-Enzyklopädie nun mit einem Fass Hundekot vergleicht: "Dieses Ereignis wird nie vergessen werden", droht er, "von keinem, der damit zu tun hatte. Die Vergeltung wird kommen, in fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren."

Der amerikanische Journalist Andrew Leonard, der für das Internet-Magazin slate.com arbeitet, schreibt dazu: "Man mag mich pingelig nennen, aber diese Kommentare flößten mir nicht das größte Vertrauen ein, was Wikipedias innere Verfahren betrifft, eine Enzyklopädie des menschlichen Wissens aufzubauen."

Ein schlecht beratener Student, ein Irrläufer mit Gewaltphantasien, mag man da sagen. Und auch, dass man solche Einzelfälle nicht verallgemeinern sollte. Das stimmt, gewiss. Aber man kann den Gedanken auch umdrehen: Was geschieht eigentlich, wenn sich der so Redigierte nicht mit einem Artikel in einer großen Zeitung wehren kann? Und was geschieht, wenn keiner bemerkt, was da auf welch bösartige Weise redigiert wurde?