Rechtspopulismus Beispielhafter Ehekampf um die Diskurshoheit

Die SZ hat Helmut Lethen dieser Tage getroffen, er möchte dazu aber nicht zitiert werden. "Sie können ruhig schreiben, dass ich mich in buddhistisches Schweigen hülle." Das Ganze wäre auch eher ein privates Drama, das keinen etwas angeht, vielleicht noch ein deutsches Sittenstück - wenn nicht Caroline Sommerfeld es über den Küchentisch in die Öffentlichkeit hinaustrüge, um einen beispielhaften Ehekampf um die Diskurshoheit daraus zu machen.

Denn erstens hat sie bei Sezession mehrere "Dialoge mit H." publik gemacht. Darin teilt sie die privaten Debatten mit ihrem Mann mit, ohne seine Mitwirkung. Wenn er daheim liberale Mindeststandards einfordert, etwa Anerkennung der Verantwortung für den Holocaust, kritisiert sie ihn im Internet als "Diskurswächter, der er nicht sein will" und moniert den "Schuldkult" und "Ethnomasochismus". Einmal heißt es: "Ein besonders lieber Lemming sitzt im Wohnzimmer ..." Und an anderer Stelle: "Jeder reklamiert die Vernunft für sich, jeder wirft dem andern Erfahrungsleere vor."

Zweitens hat Caroline Sommerfeld soeben zusammen mit Martin Lichtmesz, einem der Wiener Köpfe der neuen Rechten und Ideologen der Identitären, ein Buch unter dem Titel "Mit Linken leben" verfasst. Es erscheint im Antaios-Verlag von Götz Kubitschek und wird jetzt von den beiden auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. "Mit Linken leben" ist als Gegenmittel zu dem Buch "Mit Rechten reden" von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn gedacht, das am kommenden Samstag erscheint.

Die Rechtsintellektuellen treten selbstbewusst auf der Buchmesse auf - es wird Proteste geben

In dem Werk von Lichtmesz / Sommerfeld, das Argumentationshilfen gegen liberale Mehrheiten bietet und etwa Opferbereitschaft für das Volk als Schicksalsgemeinschaft dagegensetzt, liest man: "Wir werden die Linken nicht loswerden, und sie uns auch nicht. (...) In ihren Augen sind wir wie Viren, die möglichst gründlich isoliert werden müssen, so sehr fürchten sie die Ansteckungsgefahr. - Eine solche Koexistenz ist jedenfalls einstweilen nur im privaten Bereich zwischen Individuen möglich. Dass sich das ändert, dass die rechte oder konservative Position wieder Status und Legitimität erlangt, sollte eines der Ziele sein, für die wir kämpfen."

Zu dem Problem, dass mit neuen Rechten, besonders durch Konversionen dorthin, Freundschaften, Familien und Liebe zerbrechen können, heißt es weiter: ",Mit Linken leben' kann heißen: Psychokrieg! (...) Wem es gelingt, zu verhindern, dass ideologisch-politischer Druck private Beziehungen und Bindungen vergiftet, der hat dem System ein Schnippchen geschlagen und ein Inselchen Freiheit verteidigt."

Ein Inselchen Freiheit kriegt der Verlag Antaios aus Schnellroda auch auf der Buchmesse, die an diesem Mittwoch ihre Hallen öffnet und bis Sonntag geht. Verleger Götz Kubitschek - der einst wie Caroline Sommerfeld Vorlesungen bei Helmut Lethen in Rostock gehört hat - ist stolz auf "das beste rechtsintellektuelle Lektorat des Landes". Ihm ist der Rücken gestärkt durch den erstaunlichen Erfolg von "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle; und natürlich durch den Einzug der AfD in den Bundestag. Es gab Forderungen, den Stand von Antaios auf der Buchmesse zu untersagen, aber das ist weder rechtlich noch im Sinne der Meinungsfreiheit ratsam, solange dort nichts Strafbares passiert. Ob es jedoch klug war von der Buchmessenleitung, dem Antaios-Stand die Aktivisten von der anti-rechten Amadeu-Antonio-Stiftung direkt vor die Nase zu setzen, wird sich bald zeigen. Krawall ist zu erwarten.

Es gibt also einen größeren politischen Konflikt, den eben auch belesene Menschen führen können - und es gibt die bisher intakte Akademikerfamilie Lethen. Ist sie Ausnahme oder schon Exempel? Caroline Sommerfeld sagt zur SZ, es stünden sich "zwei unvereinbare Wahrnehmungen der Wirklichkeit gegenüber". Sie und ihr Mann könnten aber "die schmerzhafte Zerreißprobe aushalten", weil sie die Ehe "mit all ihren verschiedenen Ebenen des Halts, der Rückversicherung, des Vertrauens, der Erfahrungen im Hintergrund haben".

Sie ist zu "identitären" Überzeugungen konvertiert, will aber am Zusammenleben der Familie festhalten: Lethens Ehefrau Caroline Sommerfeld, links im Bild auf dem Cover des neuen Buches "Mit Linken leben".

(Foto: Antaios)

Ihr Mann wiederum bleibt dialogbereit, im Frühjahr bringt er ein Buch über die NS-Nähe berühmter Intellektueller und Künstler heraus, das, hofft er, "in vielen Punkten Klarheit schaffen wird". Vor drei Jahren hat das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Helmut Lethens Archiv, den sogenannten Vorlass, als Dokument der Geistes- und Zeitgeschichte übernommen. Eigentlich war es Lethens Projekt, die Polarisierungen des 20. Jahrhunderts zu historisieren. Doch jetzt dürften noch ein paar Archivmappen aus Wien dazukommen.

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