"Random Access Memories" von Daft Punk:Die einzige echte Zukunft

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Es gibt nämlich keine geborgten Samples. Jedes Puzzleteil ihrer neuen Tracks haben Daft Punk tatsächlich im Studio in L.A., New York und Paris einspielen lassen. Und wenn jetzt sechs Minuten lang Nile Rodgers zu hören ist oder Pharell oder Chilly Gonzales oder Panda Bear von Animal Collective oder Julian Casablancas von den Strokes oder eben auch Giorgio Moroder, dann haben die alle auch mindestens sechs Minuten lang gesungen, geredet, gespielt. "Random Access Memories" ist damit das glatte Gegenteil einer Bedroom-Laptop-Frickel-Produktion. Der Musik wieder Leben einhauchen - das haben die beiden diesmal auf fast unfranzösische Art sehr ernst genommen.

So ernst, wie sie auf ihren bislang drei nur unwesentlich unterschiedlich unwiderstehlichen Vorgängeralben "Homework" (1997), "Discovery" (2001) und "Human After All" (2005) für ihren Robot Rock jeden Schnipsel der Musik, die ihnen irgendwie verwendbar schien, durch den Elektro-Filter-Wolf drehten. Und dabei Songs für die Ewigkeit erfanden. Also Songs wie "Around The World", "Da Funk", "One More Time", "Prime Time Of You Life" oder "Harder Better Faster Stronger", mit denen man ein Stadion voller Menschen dazu bringen kann, es für die selbstverständlichste Sache zu halten, mit alten Stotter-Vocodern, Dampfstrahler und Kettensäge die beste Gute-Laune- Tanzmusik aller Zeiten zu machen.

Aber zurück zum Album, bei dem man ja wirklich aus dem Staunen nicht mehr herausfindet, wenn Meister Moroder von seiner Karriere erzählt und Daft Punk dazu so etwas wie Doku-Disco erfinden. Wenn man tatsächlich hört, was Chilly Gonzales zuletzt erzählte, wie er von Daft Punk den Spezial-Auftrag erhielt, den Tonartwechsel von A-Moll, der Tonart der ersten drei Songs, zu B-Moll, der Tonart des vierten zu besorgen. Wenn auf den 13 Songs nicht nur Disco, sondern der Prog- und Soft-Rock, überhaupt das ganze Synthiekonzeptzeugs der Siebziger samt echtem Orchester-Streicherleim mit dem Robo-Jaulen der Masterminds zu verblüffend frischen Songs zusammenfindet wie "Beyond", "Motherboard" oder "Doin' It Right".

Womit wir wieder bei der Frage wären, warum man sich in der Gegenwart offenbar immer noch so gern eine Zukunft vorträumen lässt, die sich die Vergangenheit ausgedacht hat. Die Antwort von Daft Punk lautet: Weil das die einzige echte Zukunft ist, die wir haben. Also eine, die noch die theologische Dimension besitzt, die der Begriff bis ins Mittelalter hatte, als er auf das Herabkommen Gottes verwies. Alles, was uns dagegen die Realisten der Krise als Zukunft verkaufen wollen, ist in Wahrheit nur eine schlechtere Version der Gegenwart. In der auch noch die Roboter nicht mehr Robotisch singen, sondern im Zweifel menschlicher als die Menschen klingen. Aber wer braucht denn bitte so was? We're up all night to get lucky.

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