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Missbrauchsvorwürfe gegen Jon Rafman:Raubtierverhalten

Jon Rafman

In Museen und auf Biennalen sind die Videos von Jon Rafman - wie hier das hier abgebildete "Dream Journal" - Publikumsrenner.

(Foto: Jon Rafman "Dream Journal" (still), 2016-2019/Courtesy of the artist and Sprüth Magers)

Frauen werfen dem Künstler Jon Rafman emotionalen und sexuellen Missbrauch vor. Museen und Galerien distanzieren sich. Aber wie schwerwiegend sind die Anklagen wirklich?

Von Till Briegleb

Jon Rafman hat gerade keine Ausstellungen. Das liegt nicht daran, dass der kanadische Künstler so erfolglos wäre. Die abgründige Traumreise seiner Heldin "Xanax Girl" durch eine Welt beängstigender Leeren und undurchschaubarer Mischwesen war der heimliche Schlager der letzten Venedig-Biennale. Keine Sammelausstellung, die sich mit dystopischen Ahnungen beschäftigt, kam bisher ohne Rafmans computergenerierte Trans-Everything-Stories aus. Und sein Instagram-Kanal mit dem Motto "Rarely has reality needed so much to be imagined", auf dem er Auszüge seiner Arbeiten sowie seine berühmte Serie "Nine Eyes" mit skurrilen Fundstücken von Google-Maps-Fotos zeigt, hat mehr als 144 000 Abonnenten.

Aber nun hat ihn ein Instagram-Beitrag mit 230 Likes arbeitslos und geächtet gemacht: Mitte Juli veröffentlichte die Künstlerin und Kuratorin Anne-Marie Trépanier unter den drei Schlagworten "Emotionaler Missbrauch", "Sexueller Missbrauch" und "Raubtierverhalten" ihre Geschichte mit Jon Rafman aus dem Jahr 2014. Zwei weitere Frauen, eine davon anonym, ergänzten dann ihre Erlebnisse unter dem Eintrag "@surviving_the_artworld". Und nachdem die Montreal Gazette über die Vorwürfe berichtet hatte, folgte die leicht zu kalkulierende Reaktion. Drei Ausstellungshäuser, darunter der Kunstverein Hannover, beendeten sofort ihre Rafman-Ausstellungen oder sagten geplante erst einmal ab, das Hirshhorn-Museum in Washington sogar ohne Rücksprache mit dem Künstler. Die Enthüllung einer Skulptur in seiner Heimatstadt Montreal wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Und eine seiner Galerien, Bradley Ertaskiran, beendete kommentarlos die Zusammenarbeit mit ihm und löschte alle Verweise auf den Künstler von ihrer Website. Was hatte Jon Rafman also verbrochen?

Der Sex war abstoßend - aber einvernehmlich. Manche Frauen trafen Rafman auch mehrmals

Die Einträge auf "@surviving_the_artworld" zu Jon Rafman handeln von jungen Studentinnen Anfang zwanzig, die zwischen 2014 und 2016 über Tinder und Facebook Kontakt zu dem von ihnen bewunderten Starkünstler aufnehmen. Man trifft sich, betrinkt sich, und hat dann Sex, den die drei Frauen rückblickend als "aggressiv" bezeichnen. Was sie dort sehr detailliert beschreiben, ist kein Kompliment für Jon Rafmans Liebhaberqualitäten und von mackerhafter Manier, die als verstörend bis übergriffig empfunden werden kann. Das Abstoßende und Degradierende dieser Sex-Dates wird niemand in Zweifel ziehen, der diese Erinnerungen liest. Aber diese Begegnungen waren trotzdem einvernehmlich, und sie fanden nach dem ersten Erlebnis noch einige weitere Male statt.

Keine der Frauen bezichtigt Rafman der Vergewaltigung, alle waren volljährig, initiativ in die Bekanntschaft gegangen, und keine ist in irgendeiner Form abhängig von dem Künstler. Der zentrale Vorwurf der Anklage lautet trotz der fetten Schlagwörter nur, Rafman hätte die Naivität der Mädchen erkennen und sie vor dem aggressiven Sex mit ihm schützen müssen. Das ist nicht nur nicht justiziabel. Das würde als Verbrechen vermutlich die Hälfte aller Tinderbegegnungen kriminalisieren. Und die Hälfte aller Instagram-Kanäle, wo Macho-Typen sich mit Bikinifrauen dekorieren oder diese sich naiv in Sexposen selbst fotografieren, dazu.

Vielleicht kommen irgendwann andere Informationen an die Öffentlichkeit, mit denen diese Tinderbeziehungen von Jon Rafman mit jungen Studentinnen anders bewertet werden müssen. Aber nach den bisherigen Zeugnissen ist dies kein Fall Harvey Weinstein, nicht einmal ein Fall Jan Fabre. 2018 hatten 20 Tänzerinnen seiner Company "Troubleyn" den belgischen Künstler und Choreografen in einem offenen Brief der massiven sexuellen Erpressung, rassistischer und sexistischer Degradierungen und Bestrafungen für die Verweigerung von Sex bezichtigt. Dagegen scheint der "Fall" Jon Rafman doch eher etwas für die persönliche Aussprache zu sein, und nicht für den Internet-Pranger mit den bekannten Folgen.

Ähnlich sehen das auch Kathleen Rahn und ihr Team im Kunstverein Hannover, die Rafmans erste deutsche Retrospektive, die am 5. September eröffnen sollte, auf unbestimmte Zeit verschoben haben - in Absprache mit dem Künstler. Im Gegensatz zu den Ausstellungshäusern in den USA und Kanada, denen das Schlagwort sexual abuse genügt, um eine Bestrafung in Form prompter Absagen zu beschließen, möchte die Kunstvereins-Direktorin eine Diskussion zu den Vorwürfen im Rahmen der Ausstellung ermöglichen, bevor über den Künstler geurteilt wird.

Eine engagierte öffentliche Auseinandersetzung unter Corona-Bedingungen und ohne Beteiligung von Jon Rafman hält man in Hannover aber für wenig zielführend, weswegen die Ausstellung erst unter besseren hygienischen Bedingungen kontrovers sein darf. Mit dieser Entscheidung, Debatte statt Zensur, steht der Kunstverein für ein Fairness-Gebot, das auch nach den vielen Fällen männlichen Gewaltgebarens in der Kultur unbedingt weiter aufrechterhalten werden muss.

© SZ vom 05.08.2020
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