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Bildband über queeres Leben:Körper voller Glück

Laurence Rasti zeigt iranische Paare, die in der türkischen Grenzstadt Denizli leben. Sie sind vor der Todesstrafe geflohen, unter der Homosexualität in ihrem Land steht.

(Foto: Laurence Rasti/Verlag Kettler)

Benjamin Wolbergs' Sammlung "New Queer Photography" zeigt Bilder aus einer Welt, in der es eine Lust, ein Risiko, ein Kampf sein kann, von der heterosexuellen Norm abzuweichen.

Von Till Briegleb

Es ist der uralte Konflikt aller Menschen, die frei sein wollen: Bleiben sie lieber am Rand der Gesellschaft, in Zonen geringer Aufmerksamkeit, wo sie sich mit Seelenverwandten ungestört entfalten können? Oder drängt es sie zur Sichtbarkeit im Zentrum, getrieben von dem Wunsch, so anerkannt zu sein wie alle anderen? Jedes Wesen, das sich als nicht konform entdeckt in einer Umgebung, die mit dem Widerstand übermächtiger Normen reagiert, sobald es sich ausprobiert, muss sich diese Frage stellen. Je unfreier und gewalttätiger die Gesellschaft, umso risikoreicher die Wahl. Jede Person in diesem Bildband kann davon ein Lied singen.

Denn das Thema von "New Queer Photography" ist Geschlecht als ein Spektrum und nicht als Entweder-oder. Und diese Sichtweise ist in keiner Nation der Welt wirklich Konsens. 15 Länder sind sogar bereit, gelebte Zweifel an der Heterosexualität mit dem Tod zu bestrafen, etwa Iran, wo es aber laut offizieller Verlautbarung gar keine Homosexualität gibt. Und deswegen erzählen einige der 52 fotografischen Positionen, die der Berliner Gestalter Benjamin Wolbergs in vierjähriger Arbeit zu einem wirklich überwältigenden Panorama der Queerness versammelt hat, auch von der lebensbedrohlichen Gefahr von Sichtbarkeit - und dem bewundernswerten Mut von Menschen, sie trotzdem einzufordern.

Terra

Die Fotografin Julia Gunther porträtiert eine lesbische Community in Südafrika und ihre Re-Interpretation eines Schönheitswettbewerbs.

(Foto: Julia Gunther/Verlag Kettler)

Ob es die Bildreportage von Julia Gunther ist über einen lesbischen Schönheitswettbewerb in Südafrika, wo eine Teilnehmerin die Gewalt gegen die "Rainbow-Girls" als "Neue Apartheid" innerhalb der schwarzen Community beschreibt, Shahria Sharmins lyrische Porträts von Hijras in Indien, die als intersexuelle Menschen in die Prostitution gezwungen wurden, oder Laurence Rastis kunstvoll maskierte gleichgeschlechtliche Paare, die aus Iran geflohen sind - jedes Kapitel erzählt in irgendeiner Form von Kämpfen an den Frontlinien gesellschaftlicher Ächtung mit den Mitteln von Freiheitswillen und Schönheit.

Dabei geht es auch um einst euphorisch ausgelebte Dunkelzonen sexueller Extravaganz, die mittlerweile erfolgreiche Shows bei Streamingdiensten sind oder große Karrieren im Popgeschäft ermöglicht haben. Etwa die schrill-bunte britische Clubszene East Londons der Jahrtausendwende, wo die Stilerben von Leigh Bowery und Boy George mit ihren aufwendigen Drag-Outfits von Ralf Obergfell geblitzt wurden. Oder die New Yorker Drag-Ball-Szene der Achtziger, die Dustin Thierry als Showmärchen in Schwarz-Weiß inszenierte, sowie als Gegensatz Jan Klos' Serie "Queens at Home", die männliche Verwandlung in weiblichen Superglamour aus dem Zwielicht der Nacht ins hell erleuchtete Wohnzimmer überführt. Das wild kostümierte, lustvolle Rollenspiel, das die Langeweile des gewöhnlichen Normlebens so kreativ bereichern könnte, findet - wie andere Fotostrecken zeigen - eben auch in der arabischen Welt statt, in Peru oder auf den Kapverden, nur ständig bedroht.

Der Fotograf Ralf Obergfell lebte von 1991 bis 2010 in London und hielt die queere Elektroszene von East London fest.

(Foto: Ralf Obergfell/Verlag Kettler)

Wolbergs' Auswahl, die er selbst "Focus on the margins" (Fokus auf die Ränder) nennt, ist die vermutlich vielfältigste Sammlung an Themen und Stilen, die je zu dem Thema Queerness erschienen ist. Von pornografischen Collagen zu Dokumentationen urbaner Subkulturen im Stile Nan Goldins, von entrückt stilisierten Porträts von Menschen, denen man kein Geschlecht mehr zuordnen kann, zu Inszenierungen von Körpern im Stil des neusachlichen Pflanzenfotografen Karl Blossfeldt findet sich in dieser Sammlung das gesamte Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Geheimnis ausgeleuchtet, in dem sich das Gegen-Normale bewegt.

Zu jedem der 52 Perspektiven liefert der Autor Ben Miller einen knappen Hintergrund. Aneinandergereiht erzeugen Worte und Bilder die Geschichte eines der absurdesten Kämpfe, die die Welt zu bieten hat: Während die globale Norm des Wirtschaftsdenkens besagt, dass jeder seines Glückes Schmied sei, werden ausgerechnet die ausgegrenzt, die das Credo mit ihrem ganzen Körper ernst nehmen. Deren selbstgemachtes Glück strahlt tatsächlich von jeder Seite dieses liebevollen Buchs.

Aus der Serie "Queer Kids in America" des Fotografen M. Sharkey aus Brooklyn.

(Foto: M. Sharkey/Verlag Kettler)

Benjamin Wolbergs: New Queer Photography. Verlag Kettler, Dortmund 2020. 304 Seiten, 58 Euro.

© SZ/masc
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