bedeckt München 23°
vgwortpixel

Posthumer Sammelband von Dieter Hildebrandt:Mit Witz umkleidete Wut

Dieter Hildebrandt im Bosco

Dieter Hildebrandts Sammelband "Letzte Zugabe" ist einer Sammlung seiner Notizen, Texte und Kommentare.

(Foto: STA Franz X. Fuchs)

Mal zornentbrannt, mal erklärend wirkt Dieter Hildebrandt im Sammelband "Letzte Zugabe", der nun veröffentlicht wurde - ein halbes Jahr nach dem Tod des Kabarettisten. Seine letzten großen Reden, Fernsehkommentare und Alltagsnotizen sind hier nachzulesen.

Wenn Terminkalender Macht über Leben und Tod hätten, dann würde Dieter Hildebrandt auch im Jahr 2014 jeden Tag auf irgendeiner Bühne stehen. Außer an den Tagen, so schrieb er vergangenes Jahr auf seiner Website, die er zum Hemdenwechseln frei halten müsse. Aber Terminkalender haben diese Macht nicht, Worte haben sie auch nicht, und der messerscharfe Witz, ja der hätte es vielleicht am ehesten reißen können. Aber letztlich kennt der Tod keinen Humor, und als Dieter Hildebrandt im November 2013 starb, musste sich Deutschland, nach Marcel Reich-Ranicki, zum zweiten Mal in einem Jahr von einer großen aufklärerischen Institution verabschieden.

Ein gutes halbes Jahr nach Dieter Hildebrandts Tod ist jetzt eine Sammlung letzter Texte des Kabarettisten erschienen - Reden, Fernsehkommentare und Alltagsnotizen. Man liest das und denkt ein bisschen furchtsam an das Haltbarkeitsdatum. Wird das in fünfzehn, zwanzig Jahren überhaupt noch ein Mensch verstehen, denn bitte: Wer war Gröhe, wer war Wulff, wer war Westerwelle?

Keine Texte für die Ewigkeit

Hildebrandt hat für den Tag geschrieben und gesprochen; er hat nicht auf die Ewigkeit geschielt - ein wenig vielleicht auf den Nachruhm, denn auch das gesprochene Wort und seine Inszenierung auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera sind schließlich ein Kunstwerk. Seine Notizen und Memos hat Hildebrandt gerne zu großen Erinnerungsplaudereien verwoben, zuerst Mitte der Achtzigerjahre mit seinen Aufzeichnungen "Was bleibt mir übrig". Und nun, zum letzten Mal in Gestalt dieses etwas miszellenhaften Bandes mit dem aufgeräumt wehmütigen Titel "Letzte Zugabe".

Beisetzung von Dieter Hildebrandt

Heiterer Abschied

Hildebrandt hat an der Zusammenstellung der Texte selbst mitgewirkt, und man merkt der Sammlung an, dass der sehr unpathetische Hildebrandt auch ein bisschen Rückschau halten und Bilanz ziehen wollte. Preisverleihungen sind immer gute Gelegenheiten, Vergangenes mit der Gegenwart abzugleichen, besonders wenn einer den Erich-Kästner-Preis bekommt, der Erich Kästner noch persönlich gekannt hat. Schöner Satz von Hildebrandt, der in Kästners Gunst stand: "Große Leute nehmen kleine Leute wahr."

Dieser Satz gilt natürlich auch für Hildebrandt als Wahrnehmungsberechtigten; aber die kleinen Leute von heute sind bei ihm nicht minder schwere Schwachsinnsproduzenten als die Politiker. Der Taxifahrer, der auf die Frage des reisenden Kabarettisten, ob er ihn abholen könne, die spackige Antwort "Kein Thema" gibt, lebt als Protagonist der Pidgin-Kommunikation in Hildebrandts kulturpessimistischem Menschenpark weiter. Andererseits: Je offenkundiger er recht hat und je tiefer man vor seinem flamboyanten Zorn auch den Hut ziehen möchte, desto mehr Nachsicht mit den Jüngeren hätte man ihm gegönnt.