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Popmusik:Dunkler Zwilling

Das Genre "Vaporwave" macht Musik aus dem Tonmüll der Gegenwart - aus Dosenmusik der Achtzigerjahre und gesichtslosen Hits der Neunziger. Das ist ziemlich unheimlich - und enthält Ablehnung und Zustimmung zugleich.

Was ist Vaporwave? Die einfachste Antwort könnte lauten: Es ist Musik aus Müll. Aber nicht aus Müll als Müll - als etwas Weggeworfenem, Zerfallendem, Deformiertem. Im Gegenteil: Vaporwave dreht sich um den kulturellen Müll, den der Spätkapitalismus produziert - der bereits Müll ist, wenn das Produkt noch nagelneu und funkelnd im Laden liegt.

Entstanden ist das Genre vor einigen Jahren, es ist "ein dezentralisiertes Musikgenre, bei dem kein klares Herkunftsland auszumachen ist" und war zwischenzeitlich die Haupteinnahmequelle der Musikplattform Bandcamp. Bei einem Rebranding 2015 ersetzte MTV sein Design durch ein von Vaporwave inspiriertes: Grelles Pink und Hellblau, japanische Schriftzeichen, Spielkonsolen, nostalgische Farbschemata aus Betriebsprogrammen der Achtziger und Neunziger. Beschreibt man diese Ästhetik etwas näher, die immerhin auf der Wiederverwertung und Simulation von Elementen aus der Welt des Marketing, des Sound Design, der Dosenmusik, der vergänglichen musikalischen Eintagsfliegen basiert, führt das leicht zu dem Missverständnis, dies sei eine Art Kapitalismuskritik in Trackform. Das führt natürlich in die Irre.

Aber es gibt noch eine andere Art von Abstand, diejenige, deren Ausdruck man im Englischen mit dem Wort "Pokerface" beschreibt: Die Vereinigung von Ablehnung und Zustimmung, deren musikalischer Ausdruck Vaporwave ist. Um zu erklären, wie es klingt, muss man zu dem Ur-Vaporwave-Album zurückkehren: Ecco Jams Vol. 1. Ecco Jams war eigentlich ein Witz des Produzenten Oneohtrix Point Never. Er nahm Auschnitte aus Achtzigerjahre-Dosenmusik oder gesichtslosen Pophits der Neunziger, den Refrain oder einen Teil des Intros, verband sie zum Loop, verlangsamte sie. Das Ganze klang wie ein Ausflug in das Unbewusste der entfesselten Konsumkultur der letzten dreißig Jahre.

"Be real, it doesn't matter anyway, / you know it's just a little too late", sang in "Eccojam A3" eine der Stimmen: Sei wirklich, es ist sowieso egal, du weißt, es ist ein bisschen zu spät. Die Zeilen waren der Refrain des Popsongs "Too Little Too Late" von Jojo. Im Kontext von Ecco Jams Vol. 1 aber klangen sie wie eine Vaporwave-Programmerklärung: Realität - welche genau? Welche der vielen Realitäten, die sich der Mensch mittlerweile medial baut? Und unterscheiden die sich überhaupt? Um dann, in der zweiten Zeile, die Parenthese zu setzen: Es ist übrigens zu spät. Für diese Realitätszersetzung stehen die Samplequellen des Vaporwave oft genug. Es sind gefühlvolle, romantische Songs, zugleich massenproduziert und gesichtslos. Durch die Verfremdung schafft es Vaporwave, einen Anflug des echten Gefühls zurückzuholen, das in der naiven Kunst steckt, ohne dabei die Kehrseite zu vergessen, ohne zu verleugnen, dass diese Klänge in ihrem Wesen voll und ganz in die Shoppingmall gehören.

Das aktuell wichtigste Label für diese Musikform heißt Dream Catalogue. Gegründet wurde es von Hong Kong Express, der selbst ein begnadeter Produzent ist. In der Welt dieses Labels verselbständigt sich die Ästhetik des Wiederverwerteten in eine utopische Zukunft. Dominiert wird der Katalog von Titeln wie "2047" oder "New Humans".

Die Songs betrachten die Gegenwart eher fatalistisch. Ironie spielt kaum eine Rolle

Neben Hong Kong Express selbst ist WosX besonders hevorzuheben, der mit "Brasil World Cup 2034" im vergangenen Jahr etwas ablieferte, was vielleicht als Konzeptalbum bezeichnet werden könnte, tatsächlich aber eher eine Art Netzwerk aus Musik und Kurzgeschichte ist. Es spielt in einem unwirklichen Brasilien, gebrochen durch eine Linse aus Traumvorstellungen, verpixelten Youtube-Videos und chemischen Drogen. Der Name ist also durchaus programmatisch. Der Massenkonsumkultur stellt die Ästhetik von Dream Catalogue eben keine Utopie einer gerechteren, schöneren, besseren, ursprünglicheren Gesellschaft entgegen. Vielmehr entdeckt sie das Moment des Utopischen in dieser Massenkonsumkultur selbst.

Eine fantastische, fürwahr utopische Welt: Wie Hongkong oder Tokio aus einem alten Comic, für immer in Nebel, Regen und ins Neonlicht getaucht. Geheimnisse unwirklicher Menschenbilder hinter Werbeschildern, flimmernd auf einem Bildschirm, der eine alte VHS-Kassette zeigt. Ist Vaporwave nun pro- oder antikapitalistische Musik? Der Witz ist, dass diese Frage nicht aufgegriffen wird. Dass man es nicht nur nicht sagen kann, sondern dass derjenige, der da zu einem spricht, es vermutlich selbst nicht mehr entscheiden kann - wie ein Spaßvogel, der am Ende an seinen eigenen Witz zu glauben beginnt.

Vaporwave steht der Gegenwart nicht feindselig, nicht einmal kritisch gegenüber, sondern fatalistisch-interessiert. Ironie spielt dabei nur am Rande eine Rolle, eher ein Sich-ergeben-Haben, so eine Art Geworfensein. Es ist Musik, die es schafft, einem Angst zu machen. Sie ist beunruhigend, sogar unheimlich, angereichert mit Weltuntergangsnarrativen, depressiven Zukunftsvisionen, einer impliziten Gesellschafts- und Technologiemüdigkeit und zugleich einer gewissen Überidentifikation mit der Post-Internet-Gesellschaft und ihren Mythen. Facetten des Transhumanen, dadurch auch Unheimlichen, Unbewussten dieser Gesellschaft werden in musikalische Form gegossen. Im Vergleich mit den Beschleunigungen des hyperaktiven Plastikpop könnte man Vaporwave sowohl als Gegenkultur dazu als auch als ihren dunkleren Zwilling sehen.

Die technischen Träume haben sich erfüllt. Nur die Menschen sind weiterhin unerlöst

Was die Implikationen von Vaporwave und seiner Nachfolgegenres angeht, muss man aufpassen, dass man nicht über die vorschnelle Konzentration aufs Politische das Interessanteste vergisst: Ob, und wenn ja wie, sich darin eine neue Art von Science-Fiction-Utopismus Gehör verschafft. Früher träumten die Menschen von all den Möglichkeiten der Technik und entwickelten daraus die kühnsten politischen Erlösungsfantasien. Heute ist ein Gutteil dieser Möglichkeiten Realität, ein anderer scheint nur eine Frage der Zeit, aber trotzdem sind alle unerlöst.

Die Maschinen sind nicht mehr von uns zu trennen. In diesem Sound scheint das schon ganz selbstverständlich, nicht mehr irgendwie Avantgardesignal wie bei Kraftwerk. Viel interessanter als die Frage, ob diese Musik zugleich Kritik und Affirmation des Kapitalismus ist, wäre also die Überlegung, ob sich in diesem Sound eine Gleichzeitigkeit von Enttäuschung, tief melancholischer Haltung und hellwacher Zukunftserwartung und -erforschung zeigt. Vielleicht ist für Vaporwave weniger "der Kapitalismus" wesentlich als allgemein das Verhältnis zwischen einer tot erscheinenden Oberflächenästhetik und einer verfeinerten Wahrnehmung. Oder anders gesagt: ein neues Verständnis von Ästhetik, um Unerhörtes über die Welt zu erfahren.

Mitarbeit: Stas Mankovich

© SZ vom 01.03.2017
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