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Popkolumne:Wunderbar irritierend

Der Musiker "Perfume Genius" lässt in seiner neuen Single immer mal wieder ein paar Schläge aus, und Selah Sue singt vom Mutterglück. Die Popereignisse der Woche.

Wenn im Pop mal jemand versucht, aus dem Viervierteltakt auszubrechen, ihn interessanter zu machen, kann das toll sein. Dave Greenfield, der kürzlich verstorbene Keyboarder der Punkrock-Band Stranglers, tat es, indem er in das Cembalo-Intro zum Hit "Golden Brown" (1981) alle drei Takte noch einen Extraschlag einbaute. Aus dem Dreiviertel-Walzer, in dem das Stück eigentlich komponiert ist, wurde so zwischendurch ein Vierer. Beim Hören hat man das Gefühl, da hätte sich jemand verzählt. Eine ähnlich interessante Takt-Spielerei findet sich auf "Set My Heart On Fire Immediately" (Matador), dem neuen, hervorragenden Album von Mike Hadreas alias Perfume Genius. "Describe" heißt die Single, in der es zu derbem Zeitlupen-Stoner-Rock ums Rumpeln im Magen geht und um ein Schloss an der Tür, das vielleicht nicht halten wird - alles wirkt ein bisschen düster und schwer verknallt, als wäre der neue Freund supersexy, aber ein bisschen brutal. Kurz nach der ersten Minute setzt der Refrain ein, und man denkt, die Platte habe einen Sprung oder das WiFi einen Aussetzer. Tatsächlich lässt die Band mehrmals anderthalb Schläge aus, der Takt springt nach dreieinhalb Vierteln zurück auf die Eins. Ein desorientierender Effekt, wunderbar! Als würde Perfume Genius einem die Augen verbinden, einen auf der Stelle drehen und rufen: Komm mich suchen!

Die belgische Singer-Songwriterin Selah Sue, bürgerlich Sanne Greet A. Putseys, wurde bekannt mit Reggae-inspirierten Folksongs, die sie im eigenen flämischen Patois sang ("Raggamuffin"). Inzwischen sind die jamaikanischen Einflüsse in den Hintergrund getreten, und Selah Sue hat zwei Kinder bekommen. Weswegen sie ihre neue "Bedroom EP" (Because) dem jungen Mutterglück widmet. Der erste Song startet mit Vogelgezwitscher, ein zartes Gitarrengesummsel deutet den ersten Schrei nach Milch an. "I will be there in a heartbeat", singt Sue mit verzärtelter Stimme, in etwa: Warte nur einen Herzschlag, mein Baby, die Brust wird gleich da sein. Wie beruhigend - sogar für Nicht-Babys. Sie habe einfach auf einer pinkfarbenen Peace-Love-and-Unity-Wolke geschwebt, schreibt Selah Sue zur EP: "Es war das natürlichste High, das ich je erlebt habe." Den anderen vier Songs der EP ist die mütterliche Hormonwonne ebenfalls anzuhören. Vielleicht wird es so doch was mit dem Corona-Babyboom in neun Monaten?

Die ewige Wiederkehr der Discomusik, wie lässt sie sich erklären? Die New Yorker Phenomenal Handclap Band formuliert auf ihrem neuen Album "PHB" (Toy Tonics) einen interessanten Gedanken dazu: "If you sing that song forever, the next time might be better" - sinngemäß: Wenn man denselben Song ewig singt, wird er nicht langweilig, sondern klingt beim nächsten Mal sogar noch besser. Warum sollte das nicht für das gesamte Genre gelten? "Remain Silent" heißt der Song. Er ist eine Hymne auf die Kraft der Wiederholung. Gespielt wird er im astrein nachgebauten Chic-Stil, mit Doppel-Handklatschern, zwei Sängerinnen, die sich im Refrain melodisch umspielen, und der Basslauf klingt so funky, als stünde Bernard Edwards nochmal persönlich im Studio 54. Doch, man muss schon den Hut ziehen davor, wie Daniel Collas, der Chef der Band, sein Plattensammler-Auskennertum kombiniert mit poppigem Songwriting, und wie er dabei auch in Seitenstraßen steuert: Manche Songs tendieren zum Softrock, andere zum Boogie. Alles Spielarten beziehungsweise Folgen von Disco. "Charm Spectrum" klingt sogar nach deutschem Krautrock der Siebzigerjahre. "PHB" ist ein gutes Album für die Sommerparty - wo auch immer man in diesem Jahr eine veranstalten können wird.

Wem der Sinn nicht nach Party steht, der könnte "Monophonie" (A-Ton) genießen. Das neue Album von Phillip Sollmann - sonst als Techno-Produzent und DJ unter dem Namen Efdemin bekannt - entwickelt einen angenehm meditativen, anschwellenden und abschwellenden Sog aus Rassel-, Klonk-, Zupf-, Orgel- und Klöppel-Sounds. Sollmann hat sie gemeinsam mit dem renommierten Ensemble Musikfabrik auf historischem Analog-Instrumentarium eingespielt: singende Metallstäbe, maßgefertigte Orgeln, melodische Schlaginstrumente. Im Club hört man so etwas normalerweise nicht. Aber gerade das ist das Tolle an diesem Album: Es stammt einerseits ganz klar aus dem Techno-Kontext, bleibt ihm andererseits aber so fern, dass man beim Hören nicht jedes Mal traurig darüber ist, dass die Clubs gerade für unbestimmte Zeit geschlossen haben.

© SZ vom 13.05.2020

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