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Popkolumne:Wäditschähn

Neue Musik von Bebel Gilberto, "The Notwist" und Davina Michelle - sowie die Antwort auf die Frage, wessen Stimme immer noch ein bisschen wie Ziegenmeckern klingt.

Von Jan Kedves

Herrlich, wie Bebel Gilberto sich mit ihrer Schlummerlied-Stimme in ein Bett aus weichen kühlen Bässen legt. Das neue Album der brasilianischen Sängerin, "Agora" (Pias), ist genau das, was man jetzt, da die Nächte zu heiß zum Einschlafen sind, gut gebrauchen kann. "Jetzt", "nun", "soeben" lautet der Titel übersetzt, und den Titelsong lässt die Tochter der Bossa-Nova-Legende João Gilberto und der in Brasilien ähnlich legendären Sängerin Miúcha mit Pizzicati auf verstimmten Celli beginnen. Musik von höchster Feinfühligkeit, die Gilberto mit einem bittersüßen Lächeln und hypnotischen Percussionen garniert. Ein bisschen Bossa-Trip-Hop-Feeling kommt dabei auch auf, nun ja, aber allzu seichte Lounge-Klischees durchkreuzt Gilberto mit viel Luft zwischen den Sounds und mit rhythmischer Komplexität. "Yet Another Love Song" zum Beispiel beginnt mit einem Fünf-Achtel-Samba-Swing, ein Rhythmus, der an sich schon leicht desorientierend wirkt. Darüber zählt sie dann auf Englisch und Portugiesisch von Null aufwärts, in einem wiederum ganz eigenen Tempo. Schöner könnte man die Startschwierigkeiten beim Sich-aufeinander-Einschwingen, wobei auch immer, kaum illustrieren.

Die Brüder Markus und Micha Acher aus Weilheim sind seit 1989 Chefs der Band The Notwist und als solche deutsche Indiepop-Stars. Als Ausblick auf ein neues Album veröffentlichen sie ihre sehr gelungene EP "Ship" (Morr Music). Das Titelstück klingt deutlich nach Can, also nach krautigem Dub-Rock, total locker und doch auch voller Binnenspannung. Im Hintergrund pulst ein Acid-Sound durch, und scharfe Gitarren-Riffs, die zugleich irgendwie wattiert klingen, durchschneiden den Groove. Die Frauenstimme, die dazu hohe Melodien in die Echoschleifen singt - das ist Saya Ueno von der japanischen Band Tenniscoats. Hübsch. In "Loose Ends" summt dann Markus Acher in einen anschwellenden Drone hinein, danach kippt der Song in eine kleine Indie-Rock-Meditation über Gleise und Geländer, die scheinbar ins Leere laufen - oder doch immer wieder im Kreis zurückführen? Wer weiß das schon so genau.

Barack Obama hat den Ruf zu verteidigen, der Politiker mit dem besten Musikgeschmack zu sein. Seine neue Playlist, die er traditionell zum Sommer via Spotify teilt, ist wieder fein ausgewählt. Diesmal sind Songs von Billie Eilish, Leon Bridges & Khruangbin, John Legend, Billy Porter und The Chicks mit dabei. Einige dieser Künstler werden in diesen Tagen auch bei der Democratic National Convention in Milwaukee auftreten, wo Joe Biden offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gekürt werden soll. Mit dem Musikgeschmack eines beliebten Ex-Präsidenten lässt sich eben auch Wahlkampf betreiben.

Ach, wie werden die Fans von Conor Oberst es vermisst haben: dieses selbstmitleidig-angriffslustige Zittern in der Stimme, das selbst im Alter von 40 Jahren noch adoleszent klingt und doch immer auch ein bisschen ans Meckern einer Ziege erinnert. Der Sänger der Band Bright Eyes aus Omaha, Nebraska, zelebriert seinen Gesangsstil wieder auf dem neuen, elften Album "Down In The Weeds, Where The World Once Was" (Dead Oceans). Er hat die Folk-Pop-Lieder teilweise sehr sinfonisch, fast pompös arrangiert, und - vorausgesetzt, Oberst singt über sich selbst - : Er scheint zuletzt einige gesundheitliche Probleme gehabt zu haben. In dem hochpathetischen Song "To Death's Heart (In Three Parts)" singt er, er sei auf der Suche nach Heilung in ein Flugzeug gestiegen, um den Vatikan zu besuchen, und dort habe der Papst an einem langen heißen Sonntag "Benedicite, Benedicite" zu ihm gesagt. Das Wort "Vatican" singt Oberst dabei so, dass es nach "Wädi-tschähn" klingt, also mit "tsch" wie in Medici.

In den Niederlanden ist Michelle Davina Hoogendoorn alias Davina Michelle längst ein Star. Das Album "My Own World" (BMG Music) soll die 24-jährige Pop-Sängerin aus Rotterdam jetzt auch anderswo bekannt machen. Das Album klingt bloß leider so, als hätten zehn hochkarätig besetzte Songwriter-Camps den perfekten zeitgenössischen Power-Pop-R&B-Mix aus Alicia Keys, Adele, Sia und Pink ausknobeln wollen. Wobei: Im Song "Hollow" geht es um eine Beziehung zu einer Person mit Borderline-Störung. Das Stück beginnt mit der schönen Zeile "You called me your heart attack / I called you my aphrodisiac". Lyrischer Pfiff findet sich also durchaus in dieser Glutamat-Pop-Soße - wenn man genauer hineinhört.

© SZ vom 19.08.2020

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