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Popkolumne:CBD-Öl, Bauchtaschen und Sexpuppen

Nicholas Lens & Nick Cave - L.I.T.A.N.I.E.S.

Verschattete Litaneien: die Musiker Nick Cave und Nicholas Lens.

(Foto: Sebastien Forthomme/dpa)

Sero, Nick Cave und "Sigur Rós" haben neue Alben. Und dazu ein paar eher musikfremde Artikel im Sortiment.

Von Jakob Biazza

Es sind harte Zeiten. Allgemein, aber auch für den Pop. Konzerte gibt es nicht mehr, und Platten verkauft bis auf AC/DC (immerhin noch 180 000 Stück von "Power Up" in den ersten sieben Tagen) ebenso fast niemand mehr. Kein Wunder, wenn die Kreativen kreativ werden. Alicia Keys etwa ist gerade ins Beauty-Geschäft eingestiegen. Hautpflege- und Wellnessprodukte. Alles "cruelty-free" hergestellt, also immerhin rhetorisch maximal weit von dem entfernt, was der deutsche Rapper Kollegah zum Nebenerwerb bietet: Während der Corona-Monate hat er eine angeblich runderneuerte Version (3.0!) seiner "Bosstransformation" aufgesetzt, ein Trainingsprogramm, das angeblich enorm stark macht - aber wohl auch ein bisschen dumm. Oder wie es auf seiner Homepage heißt: "Du hast genug vom Lauch-Dasein? Du willst Dich nicht länger mit den Zahnstochern in Deinen Hosenbeinen abfinden und bist die Witze Deiner Kollegen über Deine Spaghetti-Arme leid? Dann hast Du in den kommenden 12 Monaten die Chance, das ein für alle Mal zu ändern." Schlechte Nachrichten gibt es hingegen aus dem Merchandising-Store von Katja Krasavice: Die der Rapperin nachempfundene aufblasbare Sexpuppe wird nicht mehr geführt.

Dafür haben Sigur Rós eine eigene CBD-Öl-Linie entwickelt und zwar in den Varianten "Sleep" und "Wake". Kostenpunkt: je 58 Dollar für 30 Milliliter oder 99,95 Dollar im Paketpreis. CBD ist eines dieser Lifestyle-Produkte aus der "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass"-Geisteshaltung. Es wird aus Cannabis gewonnen, berauscht aber nicht. Und weil es das nicht tut, sprechen clevere Marketing-Menschen dem Extrakt Effekte zu, die sich weniger direkt messen lassen: Beruhigung etwa, besserer Schlaf, Hilfe bei Entzündungen, Krämpfen und Schmerzen, in letzter Konsequenz wohl auch Weltfrieden und besseres Wetter. Die Wissenschaft streitet da noch. Die isländischen Post-Rocker verheißen indes dies: "Sleep" unterstütze "Körper und Geist, während du ins Himmlische driftest". "Wake" helfe hingegen, freier übersetzt, um mit der physischen Welt klarzukommen. Gar nicht so leicht, davon jetzt auf ihr neues Album zu kommen. Oder doch: "Odins Raven Magic" (Krunk/Warner) ist nämlich die Vertonung eines isländischen Gedichts aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Ein Orchesterwerk, das Sigur Rós zusammen mit Hilmar Örn Hilmarsson, Steindór Andersen und Maria Huld Markan Sigfúsdóttir vor 18 Jahren geschrieben, dann aber nie veröffentlicht haben. Es ist schwerst ätherisch, ziemlich schön, und es unterstützt Körper und Geist, während man ins Himmlische driftet. Und wenn man es nach dem Aufwachen hört, hilft es bestimmt auch dabei, mit der physischen Welt klarzukommen. Gibt gerade ja eh kaum physische Kontakte.

"Vielleicht" - was für ein merkwürdiges Wort in einem Rap-Song. Rap ist ja ein Genre mit wenig Platz für Zweifler, Rap zaudert nicht, Rap macht Ansagen. Und jetzt kommt Stefan Hergli aus Berlin-Schöneberg alias Sero und macht mit "Regen" (Sony Music) Platz für genau das: Selbstzerfleischungen mit tiefen Augenringen, Grübeleien und ein vergleichsweise aufgeklärtes, besonders im Rap wirklich sehr wohltuendes Bild von Männlichkeit: "Ich hab' schon immer das Gefühl, irgendwas stimmt nicht ganz mit mir / Und ich krieg's nicht repariert und ich hass' mich so dafür". Und Platz für dieses wuchtige Vielleicht: "Vielleicht, nur vielleicht / Hat's Lucy gefallen / Zu fallen". Und vielleicht, nur vielleicht, fehlt dem Ganzen in Summe doch noch etwas Unterleib. Und ganz vielleicht kommt er auf der nächsten Platte mit ein paar Regen-Metaphern und ein paar weniger glühenden Zigaretten in der Dunkelheit aus. Und zack: neuer Rap-Superstar. Ach so: Die "Sero-Fan-Box" enthält zwei CDs (das Album und "Road to Rain, alle Klassiker und Hits von 2018 bis heute auf einer CD"), das Sero-Regen-Lyric-Heft mit Kopien der handgeschriebenen Notizen von Sero selbst und die "Holy Front-Pack", eine von diesen Bauchtaschen, an denen man in Provinzclubs die Dealer erkennt. Sero preist sie in einem Instagram-Video als "sexy, nachhaltig und zeitlos" an - und mit Platz für 250 Gramm, kleine rhetorische Pause, "Erdnussflips". Traurig kann er ein bisschen besser als lustig.

Und damit noch schnell zum Finsternisfürsten Nick Cave. Der hat mit dem Komponisten Nicholas Lens ebenfalls ein Orchester-Werk aufgenommen: "L.I.T.A.N.I.E.S." (Deutsche Grammophon). Es klingt faszinierend intim, lichtdurchflutet und nah. Als säße man irgendwo zwischen Bratsche, Oboe und umhertupfendem Klavier. Was die Instrumente dann machen, ist allerdings mehr Hörspiel als Konzert. Zwiegespräche, Zickereien, verschattete Litaneien. Und damit durchaus anstrengend. Zumindest mit kurzer Recherche kann man Cave andererseits zugutehalten, dass er keine aufblasbare Sexpuppe von sich verkauft.

© SZ/crab
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