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Popkolumne:Konzept Album

Millenials hören wohl lieber als gedacht ganze Alben - unklar ist, ob dazu auch die neuen Werke von "Destroyer", "Blond" und "Squarepusher" zählen.

Von Quentin Lichtblau

Die gute Nachricht zuerst: Es könnte noch Hoffnung für das Album geben. Auch wenn der Trend im heutigen Musikkonsum insgesamt zwar deutlich Richtung Playlists oder Singles geht, hat eine aktuelle Studie zumindest festgestellt, dass Millennials im Gegensatz zu ihren Eltern - und entgegen allen Erwartungen - eher zum Album greifen: Ein Streaming-Dienst will jedenfalls erhoben bekommen haben, dass sie etwa doppelt so oft ganze Alben durchhören wie ihre Mütter und Väter. Wie verlässlich diese Studie ist, sei allerdings dahingestellt: Erst im Oktober des vergangenen Jahres hatte eine andere Erhebung desselben Streaming-Dienstes in Großbritannien ergeben, dass 15 Prozent der Teilnehmer unter 25 noch nie ein ganzes Album gehört haben.

Ob unter denen eines der Alben von Destroyer dabei war, wurde nicht gesagt. Mit ihrem Werk von bislang zwölf Alben hat sich die Band um den Frontmann Dan Bejar allerdings recht breit auf dem Musikmarkt gemacht. Beim 13. wollte Bejar nach eigenen Worten eigentlich ein "Y2K"-Konzeptalbum machen, also irgendwie in die Ära zurück, in der Künstler versuchten, einen Sound für das sich ankündigende neue Jahrtausend zu finden. Das kann 20 Jahre nach der Jahrtausendwende eigentlich nur scheitern. Ist es auch, und Destroyer hießen nicht Destroyer, wenn die kreative Zerstörung nicht ihr Antrieb wäre: "Have We Met" (Cargo Records) ist nun das Ergebnis langer Wohnungs-Sessions nach dem Verwerfen der Ursprungsidee geworden. Die Stimme Bejars stammt von Aufnahmen am Küchentisch, die eigentlich nur vorläufig sein sollten. Sie vertragen sich erstaunlich gut mit den am PC generierten Synthie- und Drumsounds seines Kollegen John Collins, der die kryptische Lyrik in ein Klangbett einwebt, das in seinen guten Momenten ("Kinda Dark") an die Italo-Disco-Reduktionen von Bands wie Chromatics oder Glass Candy erinnert, gepaart mit ein bisschen Bowie zu Brian-Eno-Zeiten ("The Television Music Supervisor"). Nur die Gitarren von Nic Bragg stören das Bild. Sie wirken wie ein riesiger, rotierender Phallus im feinfühligen Indie-Pop-Porzellanladen.

Auch Blond machen Indie. Sie sind noch jung, klingen aber trotzdem ein wenig nach dem Jahr 2005 - nach einer Zeit also, als man sich noch zu Gitarrenmusik stolz den Seitenscheitel aus dem Gesicht strich und Röhrenjeans ein Distinktionsmerkmal waren. Im Umfeld der Familie Kummer aus Chemnitz hat dieser Sound offensichtlich Zuflucht gefunden, sowohl der männliche Kummer-Anteil bei Kraftklub (Felix und Till Kummer), als auch der weibliche bei Blond (Nina und Lotta Kummer, zusammen mit Johann Bonitz) erhalten ihn am Leben. Im Fall von Blond dank eines lyrischen Updates - weg vom Jungskram hin zu den Problemen junger Frauen. Da wären auf "Martini Sprite" (Rough Trade) etwa der oft so gar nicht glamouröse Tour-Alltag als neue Band ("Las Vegas Glamour"), bei dem irgendwelche Klugscheißer-Thorstens die Bühnenoutfits oder die Kabelführung kommentieren ("Thorsten"). Oder die plötzlich einsetzende Periode beim ersten Date ("Es könnte grad nicht schöner sein"). Rätselhaft oder doppelbödig bleibt dabei wenig. Die Texte, die Gitarren, der Humor, alles knallt direkt und unverschlüsselt bei Blond - was sicher nicht schaden kann. Die nächste Sommer-Saison kommt bestimmt, und die Musik der beiden Kummer-Schwestern ist wie gemacht für bundesdeutsche Festivalbühnen.

Squarepusher schaut auf seinem neuen Album "Be Up A Hello" (Warp) ebenfalls eher zurück als nach vorne: Tom Jenkinson hat sich von den Produktionsmöglichkeiten der Zukunft abgewandt und wieder dem guten alten Analog-Equipment seiner frühen Jahre gewidmet. Nach zwei egalen bis störenden Einstiegsstücken befinden wir uns direkt wieder im UK-Rave der späten Neunziger. Mit "Nervelevers" und "Speedcrank" zünden gleich zwei Breakbeat-Bomben hintereinander, die in ihrer fast jazzigen Vielschichtigkeit den jungen Produzenten des aktuellen Break-Revivals in der elektronischen Musik das Fürchten lehren dürften.

Altbacken klingt das ganz und gar nicht, man wundert sich fast, warum dieser superintelligente Krach als Gegenfolie zum heute weit verbreiteten Gefälligkeits-Bummeltechno so lange gefehlt hat. Liefe etwa "Terminal Slam" in einem Großstadt-Deli, die Gäste würden sich binnen Minuten ihre Poke-Bowls über die Ohren ziehen und zitternd um Gnade winseln. Wer es trotzdem wagt, dieses Album mit guten Kopfhörern von vorne bis hinten durchzuhören, sollte also einen möglichst ausgeglichenen Nervenhaushalt parat haben. Er fühlt sich danach aber garantiert auch ganz, ganz wunderbar.

© SZ vom 29.01.2020

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