bedeckt München 28°

Popkolumne:Klug und mühelos

Diesmal mit neuer Musik von Marvin Gaye, Beth Gibbons und Salvador Sobral - sowie der Antwort auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass beim Eurovision Song Contest einmal ein wirklich guter Musiker ausgezeichnet wurde.

Anfang März wurde Solanges neues Album "When I Get Home" als so kluge wie mühelose Verdichtung musikalischer Tradition gefeiert. Kaum vier Wochen später erscheint jetzt ein Album des Mannes, der für die Entwicklung des Soul so wichtig war wie kaum ein anderer. Nach Marvin Gayes endgültigem Durchbruch mit "What's Going On" veröffentlichte er 1972 die Single "You're The Man" - eine drastische Kritik an leeren Versprechungen von Präsidentschaftskandidaten. Das gleichnamige Album erschien aber nie, wohl auch wegen politischer Dissenzen mit Motown-Chef Berry Gordy. Viele der Aufnahmen kursieren heute im Internet oder sind auf Compilations greifbar, wurden aber noch nie auf Vinyl gepresst. Nun ist es soweit. Und Beeindruckend ist allein schon, wie breit das musikalische Spektrum ist. Von strammem Funk über reduzierte Balladen, musicalhafte Gefühlseruptionen, schörkellos groovenden R'n'B bis zu psychedelischen Ambienttracks wie "Xmas In The City", die auch Jimi Hendrix in einem bekifft-romantischen Moment hätte schreiben können, findet sich alles, was das Herz begehrt. Ständig würde man gerne irgendein Element der bis in die Feinstrukturen meisterhaften musikalischen Handwerksarbeit sampeln, etwa den organischen Beat, der die zuvor schwelgerische "Symphony" noch mal gegen den Strich bürstet. "Piece Of Clay" beginnt mit einer schmutzig-schönen E-Gitarre, die über einer zur Tonika herabsteigenden Orgel irgendwo aus der Tiefe des Studios zu klagen scheint. Mit einer kraftvollen biblischen Metapher benennt der Text das Unglück der Welt: Zu viele behandeln ihre Mitmenschen wie einen Klumpen Lehm, den sie nach ihren Vorstellungen formen wollen. Gaye singt makellos, rauh und federleicht. Der Mund bleibt einem offen stehen, wenn man hört, was er in einer "Alternate Version" von "You're The Man" formuliert: "Demagogues and admitted minority haters should never be President, this time a lady". Und das 1972!

Die 3. Sinfonie des polnischen Komponisten Henryk Mikołaj Górecki, komponiert 1976, ist kein Pop. Gehört also eigentlich nicht hierher. Was natürlich Quatsch ist. Schon bei Tschaikowsky finden sich loopartige Passagen, in Debussys "Images" Jazz, Satie hat auf die Trennung von Hoch- und Populärkultur gleich ganz gepfiffen und Techno-DJs verehren Karl-Heinz Stockhausen. Die Sopranistin in der neuen Aufnahme von Góreckis 3. Sinfonie des Polnischen Radio-Sinfonieorchesters ist die Portishead-Sängerin Beth Gibbons. Es beginnt mit einer grummelnden Bass-Figur, die von tiefer Hoffnungslosigkeit kündet. Kanonartig schichten sich Celli und Violinen darüber, immer rückhaltloser wird die Klage. Maria weint um ihren gekreuzigten Sohn. Entfernt erinnert diese Expressivität an Barbers "Adagio For Strings", nur dass die Musik in tiefere historische Schichten auszugreifen scheint, roher, minimalistischer ist, mit Gespür für Geräusche. Drei Sätze, drei Klagelieder. Der Gesang ist nur in relativ kurzen Passagen präsent, aber steht jeweils im Zentrum der Sätze. Auf den ersten Blick ist Gorecki der schärfste Kontrast zu Marvin Gaye. Hier alte, abendländische Tradition, dort schwarzer Pop. Aber beider Schaffen wäre ohne die Kirchenmusik nicht denkbar, beide finden Transzendenz in Tönen. Goreckis Musik ist das Bewusstsein eingeschrieben, dass das Abendland spätestens 1939 untergegangen ist. Aber wie in einer nördlichen Juninacht leuchtet der Horizont, und zuweilen braucht es nur ein Jauchzen, um vom neuen Morgen zu singen.

Ohne abendländische Hightechmedizin würde Salvador Sobral nicht mehr leben. Ende 2017, dem Jahr, in dem der Portugiese mit dem Song " Amar Pelos Dois" den 62. Eurovision Song Contest in Kiew gewann, musste er sich einer Herztransplantation unterziehen und kurz darauf erneut wegen eines Nierenversagens ins Krankenhaus. Es ist also ein wirklicher Grund zur Freude, dass nun, ein knappes Jahr später, tatsächlich ein neues Album von ihm erscheint. Sogar eine Tour ist geplant. Die Freude ist umso größer, als es ein richtig gutes Album geworden ist. Gefühliger Pop ist es wohl. Es steht zu befürchten, dass es bei dem ein oder anderen Date eines einsamen Managers laufen wird. Da klimpert schon mal das Klavier ein paar Salon-Phrasen. Teils bewegt es sich schon sehr dicht an der Latinkitschgrenze. Aber die Musik überschreitet sie nicht. Weil sie den Mut zur klanglichen Transparenz hat, der Zerbrechlichkeit Raum gibt, jazzartig improvisiert wirkende Passagen zulässt. Und ihre Herkunft aus traditionellen Genres weder verleugnet, noch ausbeutet. Es grenzt an ein Wunder, dass im Rahmen der Zombieveranstaltung ESC tatsächlich mal ein Musiker ausgezeichnet wurde.