Popkolumne:"Sie suchen nach Mehl, um dein Gesicht zu panieren"

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Popkolumne: "Wie konnte ich nur vergessen, dass ich es bin, der die Sonne anknipsen kann": Rica Blunck, Jacques Palminger, Viktor Marek alias "Kings Of Dubrock".

"Wie konnte ich nur vergessen, dass ich es bin, der die Sonne anknipsen kann": Rica Blunck, Jacques Palminger, Viktor Marek alias "Kings Of Dubrock".

(Foto: Simone Scardovelli)

Ein Hamburg-Spezial der Popkolumne. Mit dabei unter anderem: die "Kings Of Dubrock", Jan Delay und Andreas Dorau.

Von Max Fellmann

Manche Musiker wollen stürmischen Applaus, andere hoffen auf kontemplative Ergriffenheit ihrer Hörer, dann wieder gibt es die, denen es schlicht um gemeinschaftliches Rumgerocke geht. Und schließlich Jacques Palminger: Der ist offensichtlich immer dann zufrieden, wenn er möglichst ungläubiges Kopfschütteln erzeugt. Als Teil des Hamburger Scherz-Trios Studio Braun und der Fake-Doku "Fraktus" geht er da noch vergleichsweise konventionell zur Sache. Bei seinen Soloprojekten wird es abseitiger. So auch auf dem dritten Album seiner Band Kings Of Dubrock: "Dubbies On Top" (Misitunes/Broken Silence) führt, wie er selbst sagt, in "musikalische Erlebniswelten und tanzbare Wohlfühllandschaften". Die Musik ist tatsächlich gefälliger Dub-Reggae. Aber wenn Palminger dazu singt, klingt er wieder wie ein Kinderhörspiel-Sprecher, der leider den Verstand verloren hat und jetzt Fremde an der Bushaltestelle anspricht.

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(Foto: Label)

"Wie konnte ich nur vergessen, dass ich es bin, der die Sonne anknipsen kann" säuselt er. "Ich fliege wie ein Schmetterling und meine Gedankenbienen saugen wieder Honig aus euren Blütenköpfen." Da geht es um Männerbilder, Franco-Nero-Phantasien oder, warum nicht, auch mal um abstruse Foltertechniken ("Sie suchen nach Mehl, um dein Gesicht zu panieren"). All das ist auf perfekte Weise meilenweit daneben. Oder halt ganz genau auf den Punkt - von Palminger aus gesehen. Beim Hören fühlt man sich irgendwann eigenartig leicht, der banalen Logik des Alltags enthoben, mal rätselnd, mal lachend, mal tanzend. Großartig. Oder wie der Meister der Post-post-post-Ironie es in seinem selbstverfassten Infotext sagt: "Alle Dub-Däumchen hoch!"

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Von Palminger direkt zum nächsten Hamburger: Jan Delays neues Album "Earth, Wind & Feiern: Live aus dem Hamburger Hafen" (Universal) ist der Mitschnitt des Heimspiels, mit dem er im vergangenen Sommer das Erscheinen seines Albums "Earth, Wind & Feiern" beging. Und da der etwas müde Fire/Feiern-Gag hier schon zum zweiten Mal auftaucht, steht ja schon allmählich die Frage im Raum, warum Jan Delay immer nur halbhoch hüpft, wenn's um Wortspiele geht. Die Titel seiner letzten Alben: "Hammer und Michel", "Wir Kinder vom Bahnhof Soul", "Mercedes-Dance". Joa. Luft nach oben. Aber halb so wild, dafür fängt das Livealbum die Hafenstimmung groß ein, die Bläsersätze sitzen, die Hamburger gehen ab. Und Klassiker wie "Oh Johnny", "Klar" und das Gastspiel "Türlich Türlich" (Das Bo) machen auch jetzt wieder großen Spaß. Für den etwas vielschichtigeren Humor sind halt andere zuständig. Siehe oben.

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Und jetzt bleiben wir an dieser Stelle einfach in Hamburg. Da lebt ja auch Andreas Dorau. Der tanzt schon ewig in seiner eigenen Seifenblase zwischen Riesenerfolg ("Fred vom Jupiter", 1982), Nischen-Erfolg (alles danach) und Zufallserfolg ("Girls In Love" in den französischen Top Ten). Aber egal, ob sein Stern gerade hell leuchtet oder eher nicht, der Mann zieht sein Ding so beharrlich durch, dass er rundum Respekt dafür verdient. "Ich bin der Eine von uns Beiden", das Album von 2005, wird jetzt noch mal neu aufgelegt (Tapete Records), und beim Durchhören merkt man sofort wieder: Was Dorau macht, macht sonst keiner in Deutschland. Mal House-Beats als Fundament, mal Heimorgel-Schlager, darüber mehrere Schichten aus obskuren Samples, seifigen Mädchenchören und den düdeligen Synthie-Sounds, die man aus TV-Serien der 70er-Jahre kennt. Ganz oben Doraus Erstklässlergesang - schlauerweise hat er ja die Erkenntnis "Oje, wenn ich singe, klinge ich wie ein kleiner Junge" einfach zum Prinzip erhoben. Hier sind ein paar echte Perlen wiederzuentdecken, unter anderem das großartige "Hinterhaus" ("Aus dem Hinterhaus, aus dem Hinterhaus / kommen die Mieter vorne raus"), dazu "Kein Liebeslied", geschrieben zusammen mit Sven Regener, der als Gast mittendrin Themen aufzählt, die seiner Meinung nach auch ein gutes Lied ergeben würden, "zum Beispiel Feuer, Träume, Farben, Zäune". Ein eigenartiges Album, im besten Sinne - unverwechselbar.

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(Foto: Label)

Hamburg, übrigens: Wer sich als Abonnent einer süddeutschen Zeitung ab und zu fragt, was für Musik sonst noch so da oben entstanden ist, dem sei das schöne und noch fast ganz neue Buch "Sounds of Hamburg - Die Musik der Stadt: 1960-2020" (Junius Verlag) ans Herz gelegt. Mit viel Liebe zum Detail haben die Autoren Alf Burchardt und Bernd Jonkmanns darin alles zusammengetragen, vom 60s Beat der Schwarz-weiß-Jahre bis zum Elektro-Geknatter der Gegenwart. Dorau, Delay und Palminger tauchen natürlich auch auf.

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