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Popkolumne:Hauhaltsgerätejazz

Neue Alben von RIN, Jim O'Rourke und Camila Cabello - sowie die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn man mit Industriewäschetrocknern Musik macht.

Der Rapper Renato Simunovic alias RIN aus Bietigheim-Bissingen veröffentlicht diesen Freitag sein neues Album "Nimmerland". Leider sind RINs Texte zu kompliziert fürs Feuilleton, aber wenigstens seine Referenzen sind klar: In "Nirvana" zitiert er "Rape Me" und mischt dabei fröhlich deutsch und Englisch "Rape me, rape me, rape me durch die Nacht". Seine Geliebte (die ihn vergewaltigen soll) verschlingt ihn "wie ein Eis", weint, wenn er nicht bleibt - und dann trällert RIN unvermittelt etwas das klingt wie "Anaaahaahaaal". So viele Fragen. Ist seine Geliebte traurig, weil er sie nicht . . . ? In "Keine Liebe (feat. Bausa)" hat sie ihn dann scheinbar verlassen, oder es geht um eine andere, die sich auf RINs Analding von Anfang an nicht eingelassen hat: "Baby sag mir / warum liebst du diesen Typen mit den Nikes? Warum schaust du mich nicht an und gehst nur vorbei?" Lustigerweise kann man das Album auch in einer Nike-Schuhschachtel kaufen. Da ist dann eine CD, ein T-Shirt und ein Poster drin. Aber keine Nikes! Weil die hat ja der andere Typ. Musikalisch klingt das Album sauber kalkuliert. Und obwohl er Dadatexte singt, wirken die derart sorgfältig ausgedacht, dass sie schon wieder einen tieferen Anspruch kommunizieren. "Wir leben für das Leben / nicht für Instagram" behauptet RIN — der 579000 Instagram-Abonnenten hat. Wer's glaubt.

Jim O'Rourkes neues Album "To Magnetize Money And Catch A Roving Eyes" ist dagegen insofern ein Weihnachtsalbum, als dass es einen in die außergewöhnliche Lage versetzt, sich vorzustellen, wie der eigene Bauch von innen nach einem Festgelage klingt. Es blubbert, es wabert, es experimentelt, es ambientet. Er hat wohl Field Recordings verwendet oder eher verwurstet. Sie sind so bearbeitet, dass man nur noch wenig von ihnen hört. Etwas leicht Buddhistisch-japanisches hat das Ganze auch, immerhin wohnt der Mann in Tokyo. Alles harmoniert atonal umher, interstellares Pfeifen zur Mitte hin. Jeder der Tracks ist über eine Stunde lang. Bis auf den ersten! Der dauert nur ultrakurze 49 Minuten. Das Album besteht eigentlich aus vier Tracks. Auf vier CDs, wenn man es als Hardware kaufen will. RIN hätte einem da vier Schuhschachteln zugestellt. Ohne einen einzigen Schuh drin.

Camila Cabello hat es nicht nötig, ihre Hörer mit Werbegeschenken zu ködern. Ihr Song "Señorita" mit Shawn Mendes ist auf Spotify der meistgestreamte Song des Jahres - damit lässt sie sogar Billie Eilish, Ariana Grande und Post Malone hinter sich. Um die 50 Millionen Hörer hören sich jeden Monat ihre Songs an. Manchmal fragt man sich, ob es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen gibt, deren gigantischer Erfolg allein das Resultat von Karrierelotto ist. Gäbe es nicht ungefähr tausend andere Kandidatinnen, die diesen völlig egalen Pop genauso hätten performen können? aber zufällig hat sich die Masse zu Zeitpunkt x für Album y von Künstlerin z entschieden? Dabei ist die kubanisch-amerikanische Sängerin als Person durchaus sympathisch. Sie hat letztens publikumswirksam einen Stift im Kensington-Palast geklaut. Danach konnte sie wegen schlechtem Gewissen nicht schlafen. Jedenfalls erscheint das zweite Album des ehemaligen Fifth-Harmony-Mitglieds, "Romance" diesen Freitag. Viele viele Menschen werden es kaufen und hören.

Kann man machen. Oder auch einfach lassen. Oder man versucht es mit "Of Desire, Longing" von Speaker Music. Die Platte ist ein freundliches Treffen von Haushaltsgeräten mit Singvögeln und Jazz. Ab und zu stottert ein Drumcomputer durchs Bild. DeForrest Brown Jr., der Mann hinter dem Projekt, muss irgendwann einen Essayband über Rhythmusanalyse gelesen haben. Danach fragte er mehrere hochprofessionelle Industriewäschetrockner an, ob sie mit ihm Musik machen wollen. Sie reagierten zunächst zurückhaltend. Und trockneten monoton rumpelnd ihre Wäsche. Bis es sie doch packte. Eigentlich gilt die Rhythmusgruppe als Basis. Hier ist sie die Metaebene, dank der die Philosophie des Wäschetrockners zur Adornokompatibilität veredelt wird.

Jetzt nur schnell wieder herunter von da oben. Pete Townshend hat sich öffentlich entschuldigt, pünktlich zum neuen Album von The Who. Weil er dem amerikanischen Rolling Stone gesagt hatte, er sei froh, dass seine ehemaligen Bandkollegen Keith Moon und John Entwistle "in ihren Särgen verrotten", da es unglaublich schwierig gewesen sei, mit ihnen zu arbeiten. Außerdem hätten sie zu viele Drogen genommen und Schießpulver in teuren Instrumenten versteckt.

© SZ vom 04.12.2019
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