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Popkolumne:Hart eiernd

Neues von Ferris MC, Juana Molina und Actress - sowie die Antwort auf die Frage, um wen man bei der chart-tauglichen Prollisierung subkultureller Stile nicht herumkommt.

Von Jan Kedves

Major Lazer meinen, Musik sei eine Waffe. Das Verständnis haben sie aus der jamaikanischen Soundclash-Kultur, in der konkurrierende "Soundsystems" mit Dancehall-Platten ihre Revierkämpfe austragen. Die drei Produzenten Diplo, Ape Drums und Walshy Fire treten auf ihrem neuen Album "Music Is The Weapon" (Mad Descent) allerdings eher gegen sich selbst an, also: gegen den riesigen Erfolg, den sie bislang mit Hits wie "Lean On" (mit DJ Snake) oder "Cold Water" (mit Justin Bieber) hatten. Die Sounds müssen also noch mal schärfer, noch krasser auf Hit geschmirgelt sein. Gut geht das in "Rave De Favela", einem hart eiernden Baile-Funk-Hybrid. Zu Gast hier: der brasilianische Superstar Anitta, die kürzlich mit Cardi B kollaborierte. Auch toll: die Bollywood/Baile-Funk-Kreuzung "Marijiuana", entstanden in Kollaboration mit dem indischen Produzenten Nucleya und der indischen Sängerin Rashmeet Kaur. Alles auf diesem Album klingt derbe und prall. Wenn es um die Chart-taugliche Aufbereitung und kalkulierte Prollisierung subkultureller Musikstile aus dem sogenannten globalen Süden geht, macht Major Lazer immer noch niemand etwas vor.

Wenn künftige Generationen einmal fragen, "Mama, Papa, was ist ein Live-Konzert?", wird man ihnen als erstes das Album "The Concert In Central Park" von Simon & Garfunkel (1981) vorspielen, klar. Das Johlen des in Trance gerissenen Publikums, dieses euphorisierte Reingröhlen aus den vordersten und hintersten Reihen - das Album dokumentiert sehr gut das Erlebnis eines gelungenen Live-Auftritts. Ach, damals, als es noch Publikumsmassen geben durfte! Als neuer Beleg für die Kraft des Live Konzerts darf nun "ANRMAL" (Crammed Discs) gelten, das neue Album von Juana Molina. Die argentinische Sängerin und Gitarristin ist bekannt für ihren hypnotisch-spiralisierenden Lo-Fi-Punk-Rock. Das hier festgehaltene Konzert spielte sie mit ihrer Band im März 2020 in Mexiko, wenige Tage vor dem globalen Corona-Lockdown. Sphärengesänge schichten sich bis unter die Decke, die Schlagzeug-Freak-Outs scheppern noch exzessiver als auf Molinas Studio-Aufnahmen. Darunter liegt dieses konstante Brodeln der beglückten Fans. Ein Brodeln, das sich in der Enge umso besser durch den Raum wühlt. Wann wird man so etwas wieder erleben?

José Padilla ist gestorben. Der aus Barcelona stammende DJ lebte seit 1975 auf Ibiza und legte im sagenumwobenen Café Del Mar in der Cala-des-Moro-Bucht auf. Seine Spezialität: die entspannteste elektronische Sonnenuntergangsmusik zu spielen, die die Party-Insel je gehört hatte. Seit 1993 stellte Padilla die dazugehörige Compilation-Reihe "Café del Mar" zusammen, die dank millionenfacher Absätze ein speziell balearisches Verständnis von Chill-Out am Strand um die Welt spülte. Padilla dürfte damit mindestens so viele Touristen auf die Insel gelockt haben wie die Exzess-Mythen von Clubs wie Pasha oder Amnesia. Er wurde 64 Jahre alt.

Lustiger, böser, deutscher Rapper, was nun? Ferris MC gefällt sich, seit er nicht mehr Mitglied von Deichkind ist, ganz gut in der Rolle des linken Losers, der nicht mehr viel auf die Reihe kriegt. Dem aber immer noch feine Reime einfallen. Auf seinem neuen Album "Missglückte Asimetrie" (Arising Empire) kann das ganz lustig werden. Etwa ließe sich der hin und her geschrieene Punkrock-Song "Bul..." als Addendum zur sommerlichen Aufregung um die "Arbeitsunfähig"-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah in der Taz hören. Ferris MC möchte in dem Song die Polizei nicht abschaffen und auch nicht auf eine Deponie verfrachten. Nein, zusammen mit der heftig schrammelnden und gröhlenden Hamburger Zecken-Rap-Band Swiss und die Andern möchte er Polizei-Autos klauen und damit durch die Gegend rasen: "Wo wollen wir hin? Auf die Reeperbahn! Was wollen wir tun? Bullenwagen klauen und die Innenstadt demolieren!"

Der britische Produzent Darren J. Cunningham alias Actress ist in der elektronischen Musik berühmt für fein ziselierte, manchmal auch wunderbar stolpernde Tracks. Sein neues Album "Karma & Desire" (Ninja Tune) verbindet Sound-Collagen, Ambient-Flächen und sorgsam abgewogene Zitate aus der Geschichte der frühen analogen Techno- und House-Musik. Auffällig ist die große Brüchigkeit dieser Musik. Eindrucksvoll etwa in "Walking Flames" mit dem Sänger Sampha. Nichts auf diesem Album klingt abgeschlossen, alles bleibt offen. Das ist, in diesem Fall, aber komischerweise der Reiz dieser Platte.

© SZ vom 21.10.2020
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