Popkolumne:Vamonos, vamonos

Alicia Walter - Pressefoto

Hat ungefähr die Wirkung von drei Broadway-Musicals auf einmal: Alicia Walter.

(Foto: Ebru Yildiz)

Elvis Costello nimmt "This Year's Model" neu auf - auf Spanisch. Alicia Walter kommt mit einem Album wie ein Triple Feature. Und Dan Reynolds von den "Imagine Dragons" hasst seinen Körper.

Von Max Fellmann

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Ach, als Sänger einer Erfolgsband hat man's nicht leicht. "I don't want this body / I don't want this voice / I don't want to be here / but I guess I have no choice", singt Dan Reynolds auf dem neuen Album seiner Band Imagine Dragons. Schnüff. Aber immerhin, das Lied heißt "It's OK", letztlich kommt er dann doch ganz gut zurecht mit seinem Körper, seiner Stimme und seinen 40 Millionen verkauften Alben. Übrigens eine Flughöhe, ab der auch Produzentengottkaiserkönig Rick Rubin interessiert ein Augenlid hebt. Er hat Album Nummer fünf, "Mercury - Act 1" (Universal), produziert. Im Ergebnis dann aber gar nicht sooo viel anders als bisher: Die Band aus Las Vegas betreibt ihr Unternehmen weiterhin wie eine Nummernrevue. Da wird spartensicher alles abgedeckt, trockener Funk, schrammelige Balladen, Cowboystiefel-Rock, mal simple Refrains, mal gedankenschweres Geflüster (siehe oben). Polemisch könnte man sagen: für jedes Formatradio ein Song. Aber nun, dass sie verschiedene Sender tatsächlich so kundengenau beliefern können, muss man unbedingt als handwerkliche Leistung verbuchen.

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"Das organisierte Miteinander von Herzschlägen, die zusammen hinaus ins Universum hämmern, besser kann man anderthalb Stunden nicht verbringen." King Krule ist ein Sonderling, die Punk-Klagelieder des jungen Briten klingen immer nach schmerzhafter Einsamkeit, dabei liebt er das Menschenbad, die Euphorie des Livekonzerts. Kurz vor dem Beginn der Ära Corona war er noch auf Tournee - erst jetzt erscheint ein Mitschnitt aus dieser Zeit: "You Heat Me Up, You Cool Me Down" (XL Recordings, digital erhältlich, ab Dezember auch als CD/Vinyl). Man hätte meinen können, die seelenwunden Klagegesänge bräuchten die Tropfsteinhöhlenverlorenheit der Studioaufnahmen, die Leere zwischen den Tönen. Stimmt aber nicht. Sie funktionieren auch vor vollem Haus. Und fast noch verblüffender: Das Publikum schweigt nicht ergriffen, sondern singt ganze Lieder mit, Wort für Wort, selbst die allerleisesten Stellen. So frenetisch, so atemlos, dass mit jedem Takt wieder klar wird, wie sehr der Mann, Jahrgang 1994, vielen seiner Generation aus dem Herzen schreit. Großartig.

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Erinnert sich noch jemand an Double oder Triple Features im Kino? War mal eine große Sache. Drei Actionfilme hintereinander zum Beispiel. Wenn man dann nachts um zwei wieder auf die Straße stolperte, ging im Kopf alles schön durcheinander, Verfolgungsjagden, Prügeleien, Helden, Schurken, oben, unten, ein magischer Wust aus Adrenalin und Überforderung. "I Am Alicia" (Sooper Records), das Debütalbum der amerikanischen Sängerin Alicia Walter, hat ungefähr die Wirkung von drei Broadway-Musicals auf einmal. Im einen Moment noch Big-Band-Swing mit Grandezza, im nächsten Synthie-Pop mit Wave-Prägung, plötzlich unfassbare Chorgesänge, Polka-Rhythmen, Disco-Streicher, dann heftiger Haken rüber zu minimalistischen Electro-Spielereien. Ein Triple Feature von Kate Bush über Kelis zu Lily Allen und wieder zurück. Bis in die kleinsten Details liebevoll und ziemlich atemberaubend, aber auch echt eine Menge Holz. Da wundert es einen kaum, dass Walter, kurz bevor das Album abgeschlossen war, einen Burn-out hatte. Sie brauchte dann noch ein Jahr, um es wirklich fertigzukriegen. Um als Hörer wirklich alle Feinheiten zu erfassen, bräuchte man vielleicht ein weiteres.

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Hach, manchmal gibt es einfach Ideen, die sind so abwegig, dass sie schon wieder vollkommen schlüssig wirken. Elvis Costello hat sich gefragt: Was wäre, wenn ich mein lustiges Wave-Pop-Album "This Year's Model" von 1978 jetzt noch mal neu rausbringe? Also die Originalaufnahmen, aber ohne meine Stimme? Dafür mit lauter Sängerinnen und Sängern aus der spanischsprachigen Welt? Und wenn die sich alle selbst neue Texte dafür schreiben? Auf Spanisch? Was ich wiederum nicht verstehe, weil ich kein Wort Spanisch kann? Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Vamonos, vamonos! Ja, bitte unbedingt machen! "Spanish Model" (Universal) ist ein Riesenspaß. Juanes (richtig, der mit dem Monsterhit "La Camisa Negra") nölt sich in einer schönen Costello-Parodie durch "Pump It Up", die chilenische Sängerin Cami singt "This Year's Girl" als "La Chica De Hoy". So geht das 19 Stücke lang (und manchmal durchaus auch daneben). Die Spielzeugorgel, die vor 40 Jahren witzig gewesen sein mag, nervt heute eher. Aber egal. Das Konzept hat einen unglaublichen Charme. Könnten das bitte Madness auf Italienisch machen oder die Stranglers auf Griechisch? (Und jetzt auch gleich noch mal hören: das fantastische "Rock El Casbah" von Rachid Taha!)

© SZ/biaz
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