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Pop:Wut und Wurstigkeit

Albert Hammond Jr.

New Yorker Trotzhaltung: Albert Hammond Jr..

(Foto: Red Bull Music)

Tourauftakt mit dem rechten Maß an Nostalgie: Albert Hammond Jr., Sänger und Gitarrist der "Strokes", gibt in München ein Konzert zwischen Punk und Entertainment.

Von Andrian Kreye

Man muss sich seit einiger Zeit immer wieder selbst daran erinnern, warum einem Amerika einmal so wichtig war. Die New Yorker Trotzhaltung ist so etwas, mit der man das ganz gut begründen kann. Diese sehr grundsätzliche Aggression, die sich hinter demonstrativer Wurstigkeit und schlagfertiger Ironie verbirgt. Mit der konnte man in einer Stadt ganz gut überleben, in der man eigentlich am Nabel der Welt angekommen war und doch jeder Tag aufs Neue ein Kampf blieb. Der Sänger und The Strokes-Gitarrist Albert Hammond Jr. verkörpert das in Bestform, obwohl er in Kalifornien aufgewachsen ist.

So richtig schlagfertig war er bei seinem Tourauftakt im Münchner Ampere nicht, was ihn selbst den ganzen Abend eher belustigte. Jetlag und Hitze setzten ihm zu. Was ihn nicht davon abhielt ein furioses Konzert abzuliefern, das an The Strokes vor allem damit anschloss, dass die fünfköpfige Begleitband mit Achtelnoten-Punk-Stakkati immer mal wieder unwiderstehlich mitreißende Klangwände aufbaute. Und dass er beim Singen weitgehend jene wurstige Melodieführung beibehielt, für die die Band zu Beginn ihrer Karriere zu den legitimen Erben der Velvet Underground erklärt wurde.

Oder zumindest zu ihren virtuosen Epigonen, weil die Tatsache, dass sich Hammond Jr. und Julian Casablancas auf einem Schweizer Internat und der Rest der Band auf einer New Yorker Prepschool kennengelernt hatten, ihnen jedwede "streetcred" absprach, jene Glaubwürdigkeit der Straße, die für die Authentizitätsansprüche im Rock und im Hip-Hop so unerlässlich ist. Es half auch nicht, dass Casablancas' Vater Chef der Modelagentur Elite war und Albert Hammond Sr. mit so eingängigen Hits wie "It Never Rains in California" (für sich selbst), "The Air that I Breathe" (für die Hollies) und "One Moment in Time" (für Whitney Houston) so viel Geld verdiente, dass er seinen Sohn eben auf eine Schweizer Eliteschule schicken konnte.

Street Credibility ist für Albert Hammond Jr. kein Kriterium mehr. Weder privat noch musikalisch. Er hat die Drogen hinter sich, geheiratet und schreibt großartige Popsongs wie "Muted Beatings", "Back to the 101" oder "Losing Touch". Die dauern live oft keine zwei Minuten. Mehr brauchen sie auch nicht, um ein Höchstmaß an Energie zu verballern. Vom Melodiegefühl des Vaters hat er einiges mitbekommen. Die Kraftausbrüche wurzeln dagegen sehr hörbar im New York der späten Siebzigerjahre, bei den Ramones, bei Television oder den New York Dolls.

Das mag ein nostalgischer Ansatz sein. Allerdings waren schon The Strokes der Beweis dafür, dass alte Ideen mit frischem Jugendfuror und dem enorm gestiegenen Präzisionsanspruch der Musiker sehr wohl einen neuen Schub bekommen können. Aus gutem Grund waren sie nach ihrer Debütplatte "This Is It" von 2001 viele Jahre lang der Motor einer Wiedergeburt der New Yorker Postpunkszene. Das Album war zwar schon vor den Anschlägen erschienen, aber wirkte dann wie ein Befreiungsschlag aus der Lähmung dieser Tage.

Es ist noch zu früh für eine Nostalgie der Nullerjahre. Auch wenn es mit dem nach einem The Strokes-Song benannten Buch "Meet Me in the Bathroom" schon eine pophistorische Aufarbeitung der Zeit gibt, in der sich Bands wie die Yeah Yeah Yeahs, Interpol oder LCD Sound System aufmachten. Aber es reicht nicht, dass alle älter geworden sind. Zur Nostalgie gehört immer auch das Wohlgefühl des Rückblicks auf eine vermeintlich bessere Epoche. Doch die Dringlichkeit und die Wut auf den Lauf der Dinge, die die Musik nach 9/11 antrieben, sind heute immer noch aktuell, wenn nicht noch dringlicher und wütender.

Es ist deswegen fast schon Eskapismus, wenn Albert Hammond Jr. in der Menge badet, auf die Basstrommel seines Drummers springt, in x-beinigen Ungelenkigkeiten von einem Bühnenrand zum anderen rast, als sei es ein Beschwörungsritual für Iggy Pop und David Johansen. Wenn er vom Downtown-Alltag und Liebe singt. Da gibt er hinter dem Gestus und der Ironie des Postpunk den großen Entertainer. Das mag ein Spagat sein. Aber den beherrscht kaum einer so wie er.

5. Juli Berlin, 10. Juli Zürich.

© SZ vom 05.07.2018

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