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Pop:Wer Angst vor der Zukunft hat, muss Kelela hören

Kelela PromoFotos

Kelelas Musik ist wie eine warme Welle, die einen anhebt und ein Stück weiter wieder sanft absetzt.

(Foto: Cambell Addy)

Das lang erwartete Debütalbum der US-amerikanischen Sängerin zeigt: elektronischer R&B ist die Musik der Stunde. Nirgendwo sonst verschmilzt Emotion so schön mit Algorithmen.

Kann ein fantastisches Album nicht einfach fantastisch sein? Muss man Musik immer mit Deutung und Diskurs überfrachten, bis man meint, mehr Hirn als Hit zu hören?

Keine Sorge: Bei Kelela hat man beide Möglichkeiten. Man kann "Take Me Apart" (Warp), das Debütalbum der in Los Angeles lebenden Sängerin und Songwriterin, auf Repeat schalten und sich von der Raffinesse einnehmen lassen, mit der sie in ihren mal schwebenden, mal kantig groovenden R & B-Songs ältere und neuere Spielarten der schwarzen amerikanischen Musik elektronisch verwebt. Sie lässt dabei ihre Stimme zum Sound werden, und andersherum: der Sound wird zur zweiten Stimme. Das Album löst, da übertreibt man nicht, sämtliche Versprechen ein, die Kelela mit ihrem Dancefloor-orientierten Mixtape "Cut 4 Me" (2013) und mit der zwei Jahre später erschienenen "Hallucinogen"-EP gegeben hat.

Kaum war "Take Me Apart" am vergangenen Freitag bei den Streaming-Diensten verfügbar, schwappte ein kollektives "Yasss!!" durchs Netz - die Slang-Version von "Yes", mit der man mittlerweile nicht mehr nur im schwarzen Amerika, sondern fast überall vorbehaltlose Zustimmung und Emphase zum Ausdruck bringt.

Nach zwei- oder dreimaligem Hören fiel auch auf, wie meisterlich dieses Album sequenziert ist. Im Zentrum steht, auf einem eiernden Groove, der Ohrwurm "Truth Or Dare" über die erotischen Potenziale des Spiels Wahrheit oder Pflicht. Um ihn herum gruppieren sich freier komponierte, trotzdem eingängige Songs und Skizzen. Insgesamt wirkt "Take Me Apart" wie eine warme Welle, die einen anhebt und ein Stück weiter wieder sanft absetzt. Man könnte also einfach begeistert sein. Und wäre dann mit dem Text ungefähr an dieser Stelle fertig.

Wenn man aber eine Ebene höher einsteigen will, muss man fragen, warum es so ist, dass elektronischer Rhythm & Blues, so wie Kelela ihn zelebriert - und wie er in ganz ähnlicher Form auch von der Sängerin Abra aus Atlanta oder von Solána Imani Rowe alias SZA aus St. Louis veröffentlicht wird -, momentan die zeitgenössischste Musik ist, die man hören kann.

Also: Warum ist elektronischer R & B jene Musik, die uns mehr als Rock darüber erzählt, wo es mit dem Menschen hingehen könnte auf seiner Reise in die digitale Zukunft? Es scheint ja riesige Verunsicherung zu herrschen angesichts der Tatsache, dass Algorithmen das einfach besser draufhaben mit dem Rechnen und dem Rationalen und dem Kognitiven. Aber es gibt ja auch die Optimisten, die davon ausgehen, dass den Menschen im Kern ohnehin eher das Irrationale, algorithmisch nicht ganz so leicht Reproduzierbare ausmacht: Liebe, Humor, Kreativität, jegliche Form des nicht ganz geradeaus Gedachten und vor allem: Gefühlten.

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Aber es gibt einen Bereich, in dem beides, also das Rechnen und das Fühlen, noch nie im Widerspruch zueinander gestanden haben: die elektronische Musik. Menschen lassen sich schon lange von algorithmisch generierten Sounds anstecken, und das liegt ja nicht daran, dass sie selbst schon auf die Seite der Nullen und Einsen gewechselt sind. Sondern daran, dass elektronische Instrumente nicht nur traditionelle Klänge nachbilden, sondern dass sie die Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Ihre Sounds sind formbarer als akustische Klänge, in Richtungen, in denen nichts mehr an Altbekanntes erinnert.

Im Techno und vor allem in der europäisch geprägten Electronica, wurde daraus häufig eine Erzählung der Kühle und der Strenge. Die Musiker erschienen dann als Wissenschaftler, die die Geräte unter Laborbedingungen so lange manipulieren, bis sie durchbrennen oder abstürzen. Daraus kamen schroffe Soundscapes. Die meisten dieser Wissenschaftler-Musiker waren (und sind es bis heute) weiß, sie singen nur selten, und die erste Adresse für ihre Veröffentlichungen war lange das britische Label Warp, auf dem unter anderem der geniale Aphex Twin veröffentlicht.