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Pop:Pin-up im Geiste Martin Luther Kings

Bester Mainstreampop und dabei überraschend abwechslungsreich: Kali Uchis neues Album "Isolation".

Kali Uchis neues Album "Isolation" ist der mit Abstand beste Mainstreampop, den die Welt in letzter Zeit gehört hat. Das Album ist für den Massenerfolg konzipiert, also zeitgeistgemäß an der Schmerzgrenze zu laut produziert. Aber dabei bleibt es vielfältig, transparent und catchy, und an einem sonnigen Frühlingstag mit beinahe kalifornischem Abendlicht fällt es schwer, es nicht zu mögen.

kali uchis

Die 24-jährige Sängerin wohnt in LA, wuchs aber in Kolumbien auf und erzählt jedem gerne, wie sie mit 17 Jahren auf der Straße gelebt hat.

(Foto: Virgin Emi Records)

Die 24-jährige Sängerin lebt in Los Angeles. Sie wurde in Virginia geboren, wuchs in Kolumbien auf und erzählt sehr gerne und sehr ausführlich davon, wie sie mit 17 wochenlang in ihrem Subaru Forester auf einem Parkplatz schlief, nachdem ihr Vater sie rausgeworfen hatte, damit sie "rausfindet, was es bedeutet, auf sich gestellt zu sein". Sie lebte also auf der Straße, während sie noch zur Schule ging, verdingte sich in Aushilfejobs und schrieb nebenbei Songs. Ihr Mixtape "Drunken Babble" erschien 2012. 2014 arbeitete sie auf "Thats my work Vol 3" mit Snoop Dogg zusammen und wirkte 2016 in Tylor, The Creators wunderbaren "Perfect"-Video mit.

Die Sängerin will die Weltherrschaft und schreckt dabei vor nichts zurück

Wobei "mitwirken" hier eher das falsche Wort ist: "Perfect" war ein Split- Screen Video. Links sie, rechts er, links rosa, rechts blau. Sie sonnenblumengerahmt und mit blondierter Tolle, er von Schmetterlingen bedeckt. Mit heiserer Stimme sang Kali Uchis da von Freundschaft, die doch auch Liebe sein könnte, wenn man sich doch nur trauen würde. Tyler, The Creator schnipste sich einen Schmetterling aus dem Gesicht; der blaue Splitscreen wanderte zu einem Jüngling mit sehr glasigen Augen und einer Stratocaster (Austin Feinstein), von dem man nunmehr in wirklich keiner wie auch immer gearteten Zweierromantikkonstellation wusste, was er da sollte.

Das Video war ein politisch korrektes Pin-up im Geiste Martin Luther Kings. "I have a dream that one day in the music videos of latin-american R'n'B-Singers insane rappers will sit together with pale white indie-boys who schrammel on their stratocasters", gewissermaßen verpeilt visionär. Fairerweise müsste das Video eigentlich Kali Uchis feat Tyler, The Creator heißen und nicht andersrum, schließlich trug ihre Stimme den Song und ihre Ästhetik das Video.

Jetzt will Kali Uchis die Weltherrschaft, und dabei schreckt die Sängerin vor nichts zurück. Dass sie heute nicht denselben Sound haben kann wie vor drei Jahren ist klar. Sie hat ihr Bestes gegeben, bei aller Chartstauglichkeit abwechslungsreich und überraschend zu bleiben. Ihre Stimme ist bemerkenswert: Sie singt rhythmisch sehr präzise, "präzise" nicht unbedingt mechanisch verstanden, sondern mit Gespür für rhythmische Dynamik, gutem Timing und Ausdruck. Aber ihr Timbre hat, noch verstärkt durch die Produktion, etwas leicht Schlafzimmer-Verstrahltes. Das erzeugt eine schöne innere Spannung, ein Schweben zwischen Groove und Chill, zwischen Bewegung und locker-leichter Lethargie.

Einziger Tiefschlag ist ein Latinopoptrack, der wohl alle ihre Zielgruppen bedienen sollte

Auf dem Album gibt es zudem ein paar nette Arrangements, etwa "Tomorrow" — trockener Discofunk, darauf eine Synthline, die klingt wie ein runtergepitchter Blauwal. Oder "Teeth in my neck" mit seinem ausbremsenden Break, bei dem man im Hintergrund eine E-Gitarre hört, die sich anhört wie an einem simplen Audiointerface direkt via LineIn eingespielt und nicht mehr bearbeitet. Sogar bluesigen Schmachtsoul gibt es.

Einziger Tiefschlag auf dem Album ist der Latinopoptrack "Nuestro Planeta", der wohl eher dazu dient, alle ihre Zielgruppen bei Laune zu halten. Lateinamerikanischer Baile-Funk-Latin-Pop-Brei der Art, von der man auch hierzulande ab und an was mitkriegt, und echt nervtötend. In dieser Hinsicht war, wie so oft auch in Kali Uchis Fall, ihre EP "Por Vida" charmanter als das Album. Aber sie will halt berühmt werden, und genau so klingt die Platte. Sei es ihr vergönnt. In der großen glitzernden Tombola der Pop-Selbstvermarktung ist Kali Uchis ein Stand, in dem es auf jedes Los zwei Preise gibt, und das ist doch schon einmal was.