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Pop:Nachrichten aus der Filterblase

Phil Cook (sonst an der Gitarre, hier an der Jukebox).

(Foto: October Promotions)

Phil Cook hat einen herzzerreißenden Song über Polizeigewalt aufgenommen. Doch warum geht der einem auch in Europa so nah?

Von Andrian Kreye

Wenn man davon ausgeht, dass einem als Europäer die Amerikaner am nächsten sind, die oder deren Eltern mit Bob Dylan aufgewachsen sind, mit Soulplatten und mit Büchern von John Steinbeck, Harper Lee und James Baldwin, dann taugt das jüngste Album von Phil Cook gut als Gradmesser für die Stimmung, die dort im Land gerade herrscht. Was wiederum weniger über die Kraft des Pop in der aktuellen amerikanischen Gegenkultur erzählt (das wäre derzeit durchaus eine eigene Geschichte), als über die Wahrnehmungsmechanismen der digitalen Gegenwart.

"People Are My Drug" (Psychic Hotline) schließt direkt an sein Meisterwerk "Southland Mission" an, eine der besten Amerikana-Platten, die keiner kennt. Wieder zieht sich diese grandiose Mischung aus Bluesrock, Soul und Gospel durch die neun Stücke, die einen so unwiderstehlich in Bewegung bringt. Cooks Lebenslauf zeigt, warum er das so gut hinbekommt.

Biografiekoordinaten sind wichtig, wenn man einen Musiker einordnen will, den in Europa keiner kennt, der aber hinter den Kulissen in Amerika durchaus eine Rolle spielt. Also: Phil Cook hat für Mavis Staples gearbeitet, gehört zum Kosmos um Bon-Iver-Kopf Justin Vernon und fungiert als musikalischer Direktor der Gospelgruppe Blind Boys of Alabama. Das sind alles Koordinaten auf der freundlichen Seite der amerikanischen Mittelwest- und Südstaaten, dort, wo die Wurzeln des Pop und des Rock liegen, aber eben auch das Epizentrum der populistischen Bewegung, die Trump an die Macht und sehr viel Hässliches in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft gebracht hat.

Kurz bevor das Album erschien, gab Cook der Musikwebseite Aquarium Drunkard ein Interview, in dem ein Redakteur ihn fragt, wie er es geschafft habe, dass "People Are My Drug" eine solche Glückseligkeit ausstrahle, obwohl das doch ein Gefühlszustand sei, den derzeit nur wenige erreichten. In der Frage lag schon die furchtbare Selbstverständlichkeit einer kollektiven Dauerdepression des liberalen Amerika, an der nicht nur, aber vor allem Donald Trump Schuld hat.

Sie kommen dann auf den eigentlich zentralen Song zu sprechen, der ganz und gar nicht beglückend ist. In der Ballade "Another Mother's Son" erzählt Cook zunächst aus der Perspektive einer Mutter, die sich von ihrem Sohn verabschiedet, den ein Polizist erschossen hat. "Weißt du, dass ich in dem Moment, als ich dich zum ersten Mal in den Armen hielt, dein Herz wie den Flügelschlag eines Kolibris spürte", beginnt er da. Dann geht es um den Polizisten, der seiner "Pistole freien Lauf" ließ, bevor das frenetische Gospelfinale folgt, das ein Ende des Schweigens einklagt.

Cook entwickelt da die lyrische und musikalische Kraft, mit der früher Bob Dylan und Joni Mitchell so vielen aus der Seele sprachen. Es spielt auch gar keine Rolle, dass er ein weißer, männlicher Musiker ist. Er legt eine Kraft in die Rolle der Mutter, die über Zugehörigkeiten erhaben ist.

Noch ergreifender ist der Essay über die Entstehungsgeschichte des Songs, den er auf seiner Seite philcookmusic.com veröffentlicht hat. Darin beschreibt er, wie sein neugeborener zweiter Sohn im Krankenhaus um sein Leben kämpfen musste. Wie sie mit ihm nach dem Albtraum der Intensivstation nach Hause kommen und die Familie frühmorgens in der Küche Pfannkuchen backt. "Und dann checkte ich meinen Feed", schreibt er.

Auf seinem Bildschirm sieht er das Video des vierjährigen Mädchens, das "Ich will nicht, dass du erschossen wirst", schluchzt und dann seine Mutter tröstet. Die auf dem Beifahrersitz neben ihrem schwarzen Lebensgefährten Philando Castile sitzt, der gerade von einem Polizisten mit sieben Schüssen getötet wurde. Es ist dann der eine Satz seines afroamerikanischen Perkussionisten Brevan Hamden, der ihn dazu bringt, den Song zu schreiben. "Mann dieses Land", seufzt der nur. Das reicht. Cook erklärt noch, warum die Gewalt gegen Schwarze alle angeht. Auch ihn als Weißen.

In Europa lassen einen Song und Essay vor allem mit Fragen zurück. Warum berührt einen ein unbekannter Sänger aus North Carolina stärker als so vieles andere? Wäre man ohne Internet je auf die Musik und den Text gestoßen? Ist es richtig, dass einen das so berührt? Oder hat Amerika einfach die stärkeren Erzählformen und die Dominanz über ein globales Medium, das die Wahrnehmung so sehr prägt? Ist die Empathie für den Horror in der Ferne etwas, das einen für die eigene Gegenwart sensibilisiert? Oder ist es nur ein Blick in ein Land, das einst gesellschaftliches Vorbild war und heute ein kultureller Trauerfall ist?

© SZ vom 25.10.2018

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