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Pop:Heute rappt niemand mehr, was er denkt

Die unbekannte Seite der europäische Kulturgeschichte: Eine große Ausstellung in Kattowitz erzählt von Vergangenheit und Gegenwart des polnischen Hip-Hop.

Selbst glühende Lokalpatrioten würden kaum behaupten, dass im polnischen Mikołów (Nikolai) musikalisch der Boden brennt. Doch als Wojciech Alszer ("Fokus"), Piotr Łuszcz ("Magik") und Sebastian Salbert ("Rahim") als Gruppe Paktofonika ihr erstes Album aufnehmen, hat die Kleinstadt südwestlich von Kattowitz einen großen Vorteil: Im Zimmer des damals 21 Jahre jungen Salbert steht ein Amiga-500-Computer mit Software zur Musikbearbeitung, ein seltener Schatz im Polen des Jahres 2000, erst recht für junge Musiker, die zwar über Enthusiasmus und Talent verfügen, doch weder über Geld noch über Instrumente.

Monatelang tüfteln Alszer, Łuszcz und Salbert an Samples und polnischen Texten, im Dezember 2000 erscheint schließlich ihr Album "Kinematografia": ein bis heute hörenswerter Meilenstein des polnischen Hip-Hop.

"Bei uns gab es weder die Platten, noch hätte jemand Geld gehabt, um sie sich zu kaufen"

Polnischer Hip-Hop? Bis heute ist er in anderen Ländern so gut wie unbekannt. Jetzt leben seine Anfänge wieder auf: Das Schlesische Museum in Kattowitz erzählt in der weit über ihren Titel hinausreichenden Ausstellung "Schlesischer Hip-Hop 1993 - 2003" von der Zeit, als junge Musiker in einem krisengeschüttelten Land aus dem Nichts eine der spannendsten Musikszenen Polens schufen.

"Von E-Mail, Facebook oder YouTube haben wir nicht einmal geträumt." - Bandfoto der polnischen Hip-Hop-Pioniere "Paktofonika".

(Foto: Schlesisches Museum Kattowitz)

Polen ist keine Idylle zu Beginn der Neunzigerjahre, erst recht nicht in Kattowitz, wo Bergbau und Industrie der Stadt schwere Wunden geschlagen haben, erst durch jahrzehntelangen Raubbau im Kommunismus, nach dessen Ende durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch. Es ist eine Stadt, in der junge Kattowitzer Anfang der Neunziger die ersten Graffiti auf Brücken oder Durchgänge sprühen: nie gesehene Farbexplosionen im grauen, oft schwarzen Stadtbild.

Auch die mit Graffiti verbundene neue Musik kommt nach Kattowitz, allerdings nicht so einfach wie etwa in Deutschland, wo neue Alben amerikanischer Rap-Stars schnell in den Plattenläden stehen. "Bei uns gab es weder die Platten, noch hätte jemand Geld gehabt, um sie sich zu kaufen", erzählt Sebastian Salbert, seit seinen Pioniertagen bei Paktofonika eine Größe des polnischen Hip-Hop. "Unser Radio hat diese Musik damals nicht gespielt. Die einzige Möglichkeit führte über eine Satellitenantenne: Wer sie hatte, nahm Musikvideos von MTV auf Videorekorder auf und überspielte den Ton auf Musikkassetten. Die haben wir getauscht, wenn wir uns in Kattowitz zur Party oder einem Konzert trafen."

Zajawka. Slaski hip-hop 1993-2003. Wystawa czasowa w Muzeum Slaskim

Klassiker: Demo-Kassette der Gruppe "Kaliber 44".

(Foto: Schlesisches Museum Kattowitz)

Junge polnische Rapper fingen bei Null an. "Es gab kein funktionierendes Internet. Von E-Mail, Facebook oder Youtube haben wir nicht einmal geträumt", sagt Salbert. Plattenfirmen fanden sich nur im fast 300 Kilometer fernen Warschau. "Doch niemand hatte Geld für Benzin oder ein Zugticket."

Der Durchbruch kam mit Kaliber 44, den ersten Rappern aus Kattowitz, die beim Warschauer Label Gigant Records einen Plattenvertrag bekamen. Ihr Debüt "Księga tajemnicza. Prolog" ("Das geheimnisvolle Buch. Prolog") wurde 1996 ein Riesenerfolg und ist ein anderer Klassiker moderner polnischer Musik.

Das 2015 in der ehemaligen Kohlenzeche "Ferdinand" neu eröffnete Schlesische Museum bietet nicht nur aufregende Architektur über und unter der Erde, sondern auch die thematisch größte Spannbreite aller in den vergangenen Jahren in Warschau, Danzig oder eben Kattowitz entstandenen großen polnischen Museen. Das Spektrum reicht von klassischer Malerei des 19. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischer Kunst, von europäischer Theatergeschichte über die mit allen Raffinessen moderner Multimediatechnik gestaltete Dauerausstellung zur Geschichte Schlesiens und Polens bis zu modernen Themen wie der jetzt eröffneten, bis zum 1. September laufenden Hip-Hop-Ausstellung.

Zajawka. Slaski hip-hop 1993-2003. Wystawa czasowa w Muzeum Slaskim

Im polnischen Radio und Fernsehen kam Hip-Hop jahrelang nicht vor: Notizheft.

(Foto: Schlesisches Museum Kattowitz)

Für die nutzen die Macher um Kurator Szymon Kobylarz nicht nur die üblichen Exponate wie Demokassetten, Fotos, zeitgenössische Zeitungsberichte und goldene Schallplatten. Eine dreidimensionale Fotoserie des Fotografen Arkadiusz Gola zeigt die Tristesse des postkommunistischen Kattowitz, gefolgt von großen Graffiti-Flächen, die die Tristesse aufbrachen, zum Unmut der Stadtverwaltung, die die Bevölkerung aufforderte, ihr den Kopf des angeblich existierenden Graffiti-Künstlers zu bringen. Ein jahrzehntealter Zeitungskiosk in blätterndem Gelb und Grün präsentiert die damalige Underground-Musikpresse, die beschrieb, was polnisches Fernsehen und Radio noch jahrelang verschwiegen. In zwei Wellblechgaragen ist ein improvisiertes Mini-Musikstudio nachgestellt, in dem Musikpioniere die ersten Erfolgsalben des polnischen Hip-Hop produzierten.

Politisches Engagement ist selten im polnischen Hip-Hop von heute

Vor allem aber gibt es viel Musik: Auf großen Videoschirmen und in etlichen kleinen Musikkabinen sind Erinnerungen der Rap-Stars, Konzerte in den damaligen Underground-Clubs und die großen Hits zu sehen und zu hören, die für viele polnische Musikfans bis heute den gleichen Stellenwert haben wie die Klassiker Eminems oder des Wu-Tang Clans für westliche Fans. Diese können sich die Ausstellung übrigens dank englischer Untertitel problemlos erschließen.

Leben konnte von der Musik kaum ein polnischer Rap-Pionier. "Bei den ersten Konzerten waren wir schon froh, wenn wir wenigstens die Kosten wieder reinbekamen", erzählt Salbert, der etliche Ausstellungsstücke beisteuerte. Das "Kinematografia"-Album wäre der musikalischen Qualität zum Trotz vielleicht unbekannt geblieben, hätte sich Bandmitglied Piotr Łuszcz ("Magik") nicht kurz nach Erscheinen aus dem Fenster seiner Wohnung in den Tod gestürzt, der Kurt-Cobain-Moment des polnischen Hip-Hop.

Łuszczs Suizid beförderte den Verkauf der Platte ebenso wie die Karriere seiner überlebenden Freunde und Bandmitglieder. Salbert, mittlerweile 40 Jahre alt, ist heute Musikproduzent und Chef seines Labels Maxflo und als Rahim Mitglied des Duos Pokahontaz. Wenn Ende Juni ihr neues Album "REnesans" erscheint, gehen Salbert und Pokahontaz-Kollege Alszer wieder auf Tournee, durch Polen und andere Länder mit polnischer Diaspora. "In Polen ist Hip-Hop heute so populär, dass viele Junge ihren Urlaub danach planen", sagt Salbert. Anfang August treten Pokahontaz und 50 andere Künstler beim Polnischen Hip-Hop-Festival in Płock auf, nordwestlich von Warschau. Es werden Zehntausende Fans erwartet.

Politisches Engagement aber ist selten im polnischen Hip-Hop von heute. Als Rap-Star Don Guralesko seine Fans auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle nach Europa im Herbst 2015 zu Mitgefühl aufrief, wurde er mit Hunderten rassistischer Kommentare überschüttet. "Früher haben Rapper in ihren Texten genau das geschrieben, was sie dachten", sagte der Rapper Adam Szymura ("Aes") der Tageszeitung Gazeta Wyborcza zur Eröffnung der Kattowitzer Ausstellung, "heute sagen mir Kollegen, dass sie zwar gern einen politischen Songtext schreiben würden, um die heutige Situation in unserem Land zu kritisieren, aber dass sie es nicht tun, um es sich nicht mit Regierung und Publikum zu verderben."