bedeckt München 16°

Pop:Harter Tobak für die Tanzfläche

Moodymanns Label KDJ - kurz für seinen echten Namen Kenny Dixon Jr.

(Foto: oh)

Auf dem neuen Album von Moodymann treffen sich die Gegensätze des Lebens als Schwarzer in den USA.

Wie es sich anfühlen kann, ein schwarzer Mann in Detroit zu sein, davon konnte man im Januar dieses Jahres die Andeutung einer Ahnung bekommen. Da postete nämlich der DJ und Produzent Kenny Dixon Jr. auf Instagram ein Video, das er mit seinem Handy vom Fahrersitz seines Autos aus gefilmt hatte. Man sieht Polizisten, die nachts seinen Wagen umzingeln. Sie schreien ihn an, befehlen ihm, er solle sofort aussteigen. Sie richten halb automatische Waffen auf ihn, werden immer lauter und aggressiver. Er fragt verunsichert, was denn überhaupt vorgefallen sei.

Kenny Dixon Jr. ist nun nicht irgendwer, sondern unter seinem Pseudonym Moodymann seit bald 25 Jahren ein Star in der Welt der Clubs und der DJs. Vor zwei Jahren wurde er auch einem globalen Pop-Publikum bekannt, als nämlich der Rapper Drake ein Moodymann-Sample in seinen Hit "Passionfruit" einbaute. Kennen die Polizisten in Detroit diesen Prominenten der Musikszene ihrer Stadt gar nicht? Offenbar. Im Video nennen sie keinen Grund für ihren Einsatz. Ein schwarzer Mann sitzt also nachts in seinem eigenen Auto auf dem Hinterhof des Hauses, das ihm selbst gehört, die Polizei befindet sich also auf seinem eigenen Grund und Boden, und er tut nichts weiter, als in seinem Auto zu sitzen. Es macht ihn schon zum Verdächtigen. Moodymann wurde in dieser Nacht festgenommen. Und kurz darauf wieder freigelassen. "Ich hab's satt. Ich hab's so satt", schrieb er unter das Video auf Instagram.

Inzwischen hat er das Video wieder gelöscht. Vielleicht auch um dieser bedrückenden Szene aus dem Alltag von Detroit nicht zu erlauben, die Rezeption seiner Musik - und somit auch seines neuen, grandiosen Albums "Sinner" (Mahogani Music) - allzu sehr zu überschatten. Wobei das Anhören des Albums, das als Download über das Portal Bandcamp erhältlich ist, deutlich macht: Das eine lässt sich vom anderen ohnehin nicht trennen. Die Erfahrungen von rassistischer Gewalt und Polizeiwillkür, die Klaustrophobie eines Lebens, in dem Schusswaffen alltäglich sind - all dies lässt sich aus Moodymanns Musik heraushören. Ja, man soll zu seinen Tracks eine gute Zeit haben - und wer Moodymann als DJ erlebt hat, weiß, wie sehr er ein Publikum mit seinem schroffen Mix aus Disco, Eigenproduktionen, obskuren Pophits und grummeligen Animations-Durchsagen zur herrlichsten Raserei treiben kann. Aber seine Tracks verleugnen nie den Struggle, den Blues. Das macht Moodymann in der Welt der Clubmusik, in der sonst glattgebügelte Bausatz-Grooves dominieren, zu einer der interessantesten Erscheinungen.

Wenn sich hier ein Flow ergibt, dann ist es ein Flow der Brüche

Zum Beispiel ist da auf dem neuen Album der Track "Deeper Shadow", ein schizophrenes Stop-and-go-Gefüge aus Momenten, die nach vorne preschen (jaulende Gitarre, Percussion-Salven, tiefstes Bass-Geblubber), und dann bricht wieder Stille hinein: ein Mollakkord, der im Raum steht und ausklingt. Wenn sich hier ein Flow ergibt, dann ist es ein Flow der Brüche. Die Londoner Soulsängerin Sadie Walker singt dazu über das Leid des Nicht-verstanden-Werdens, und stellenweise nuschelt sie so, dass man ihren Wunsch nach einer innigen Umarmung ("hold me tight") genauso verstehen kann als Todessehnsucht ("help me die").

Das ist harter Tobak für die Tanzfläche. Aber es erinnert auch daran, dass bei Moodymann die Euphorie schon immer verbunden war mit Leid und Trauer - etwa wenn er seinem ersten Hit, "The Day We Lost The Soul" (1995), eine Sample-Collage voranstellte. Ausschnitte aus Radiosendungen, in denen 1984 über den Tod von Marvin Gaye berichtet wurde (Gaye wurde von seinem eigenen Vater erschossen) kombinierte er darin mit einem Sample aus Gayes Hit "What's Going On": "Brother, don't punish me with brutality" - Bruder, bestrafe mich nicht mit Gewalt.

Sein Haus in Detroit hat er zu einem Prince-Schrein umgestaltet

Marvin Gaye ist der eine Fixpunkt im Schaffen von Moodymann. Der andere ist Prince. Detroit-Pilger berichten, dass Moodymann sein Haus zu einem privaten Prince-Schrein umgestaltet hat. An der Fassade wehen lange Fenstervorhänge - lila wie die Prince-Farbe zu dessen "Purple Rain"-Zeit. Auf manchen Fotos wird auch im Auftritt eine Nähe deutlich - etwa wenn sich Moodymann ins Zentrum einer Gruppe spärlich bekleideter Frauen stellt, deren Funktion unbestimmt bleibt. Einerseits sieht er dann aus wie der "Pimp", der Zuhälter - eine bekannte Figur des Blaxploitation-Kinos. Andererseits wusste schon Prince dieser Figur überraschende Facetten hinzuzufügen - etwa wenn er gar nicht so dominant wirkte und seine Gespielinnen dafür umso ernster dreinschauten. Sind sie nicht Bodyguards und der Pimp unterwirft sich ihnen mit Genuss?

Die deutlichste Prince-Referenz auf "Sinner" ist aber eine klangliche: Aus dem Beat des famosen Party-Tracks "I Think Of Saturday" knallen schroff die heruntergestimmten Sidestick-Snare-Sounds heraus, die Prince beispielsweise in "When Doves Cry" (1984) verwendete. Sie stammen aus dem legendären Linn-Drumcomputer, den Prince auf so idiosynkratische Weise verwendete, dass man die Sounds des Geräts bis heute mit ihm verbindet. Anders gesagt: Hier knallt also die Party los, hier ist Wochenende, Abfahrt, die Sorgen bleiben jetzt mal vor der Tür.

Im grandiosen Elektro-Track "8 Mile D Boy" verbinden sich beide Aspekte noch einmal - die ganze Schizophrenie der Black Experience in den USA und das Tanzen, das ein wenig Erlösung verspricht. In dem Track klingt Moodymann fast wie Kraftwerk, und er singt: "At the party, ladida-di." Doch dann folgt, während im Hintergrund Polizeifunk-Samples mit Sirenengeheul herauszuhören sind, ein kleinlautes Wimmern: "I'm so sorry."

Dass dieses Dance-Album ein sehr politisches ist, muss man nicht noch einmal betonen. Es stellt implizit die Frage, was genau eigentlich der "Sinner", der Sünder, getan hat, dass er sich entschuldigen muss? Wenn er es nur selber wüsste.