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Pop:Diese billige Knöpfchendrückerei

Wie das britische Elektronik-Duo "Underworld" den großen Punk-Pionier und Techno-Hasser Iggy Pop als Sänger seiner neuen EP gewann.

Von Martin Pfnür

Iggy Pop war außer sich vor Wut, als er unter stramm pumpenden Beats im Hintergrund das elektronisch geprägte Caprices Festival in Crans-Montana verließ und in ein bereitstehendes Auto stieg. Wie in einer dieser Inszenierungen, die man sonst eher aus dem Vorfeld von Wrestling-Kämpfen kennt, blickte er aus dem offenen Fond der Limousine in die Kamera und erklärte einem diffusen Gegner unter zahlreichen F-Wörtern die ewige Feindschaft. "Wie ich ihn hasse, diesen verdammten Technoscheiß!", brüllte er und drosch mit einer zusammengerollten Zeitung auf das Leder der Rückbank. "Diese billige Knöpfchendrückerei! Alles Fake, Fake und noch mal Fake!"

Das unheilvolle Resümee des weithin verehrten Sängers, Songschreibers, Parade-Rockisten und Punk der ersten Stunde: "I'll fight you, 'till you die, techno dogs!"

Elf Jahre ist diese in ihrer idealistischen Versessenheit höchst unterhaltsame Gefühlsaufwallung des heute 71-jährigen "Godfather of Punk" mittlerweile her. Sie begeistert als kurzer Youtube-Schnipsel einerseits zwar mit wunderbar skurriler, da völlig ungewollter Komik, steht andererseits aber auch exemplarisch für die Ablehnung, mit dem die alteingesessene Rock-Gemeinde den ungleich jüngeren Spielarten der elektronischen Musik bis heute begegnet. Zu seelenlos, zu simpel, zu künstlich sei das alles, so die Vorwürfe.

Iggy Pop

Mutiger Reisender: Iggy Pop beim Auftritt in Los Angeles.

(Foto: Chris Pizzello/AP)

Tja, und nun liegt eben dieses kleine und absolut hörenswerte Wunder vor, das den beiden britischen Elektronik-Grandseigneurs Underworld gelang, indem sie den Techno-Hasser Iggy Pop austricksten. Ist die jüngst erschienene EP "Teatime Dub Encounters" (Caroline/Universal Music) doch auch das Ergebnis einer Überrumpelung, für die sich Underworld ihre gemeinsame filmmusikalische Vergangenheit mit dem langjährigen Kopf der Stooges zunutze machten. Tatsächlich bestand ja mit den popkulturell längst ikonischen Beiträgen Iggy Pops ("Lust For Life") und Underworlds ("Born Slippy (Nuxx)") zum ersten Teil von Danny Boyles nachtschwarzer Junkie-Komödie "Trainspotting" durchaus eine Verbindung zwischen den Beteiligten.

Unter dem Vorwand, man wolle mit ihm über eine Zusammenarbeit für den zweiten Teil der Romanverfilmung nach Irvine Welsh sprechen, trafen Underworld den damals in England gastierenden Pop also auf Vermittlung von Boyle im Londoner Hotel Savoy, um ihn dort in einem Hotelzimmer vor vollendete Tatsachen zu stellen. "Wenn du von jemandem konfrontiert wirst, der unglaublich höflich ist, ein ganzes Studio in einem Hotelzimmer aufbaut und haufenweise Stücke für dich vorbereitet hat, willst du einfach nicht der Feigling sein, der sich dagegen sperrt", teilt Iggy Pop nun im Hinblick auf sein Einknicken zerknirscht mit.

Dabei scheint er wirklich Spaß gehabt zu haben. So gibt er zu den Drumcomputer-Schwaden von "I'll See Big" den altersmilde die eigene Karriere rekapitulierenden Spoken-Word-Erzähler; beweist zu den satt patschenden Big Beats und den flächigen Synthie-Kaskaden von "Get Your Shirt", dass er es als Crooner auch mit seinem verstorbenen Freund David Bowie aufnehmen kann; oder berichtet zum großartigen technoiden Kreiseln von "Bells & Circles" mit ansteckender Begeisterung in der Stimme vom Freiheitsgefühl der Zeit, in der man noch im Flugzeug rauchen, koksen und die Stewardess nach ihrer Telefonnummer fragen durfte. Die überzeugten Rockisten dieser Welt mögen ihm seinen Ausflug ins Feindesland verzeihen

© SZ vom 04.08.2018

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