Plattenkabinett Afghan Whigs - Do To The Beast

Es gibt wohl niemanden im Indie-Rock, der so schön greint wie Greg Dulli. Wo bei der Konkurrenz gejammert und gelitten wird, da versprüht der Kopf der Afghan Whigs Melancholie und Sex. Gleichzeitig. Wie Dulli die Töne dehnt, leidet, wimmert und schreit, das ist in diesem Genre einzigartig. Das mag daran liegen, dass die Band in einer Zeit den Durchbruch schaffte, in der alle Nirvana sein wollten. Nur die Afghan Whigs nicht, die bevorzugten Marvin Gaye, die Temptations, Aretha Franklin. Wo es beim Grunge polterte, waren die Gefühlsausbrüche der Afghan Whigs weniger plakativ - aber dafür umso intensiver.

1992 landeten sie mit "Congregation" den ersten Achtungserfolg. Das Scheppernde von Sonic Youth und Dinosaur Jr. traf auf den Überschwang der Gefühle des Soul. So hat das bis heute niemand hinbekommen. Das ging sechs Alben lang gut - dann trennte sich die Band 2001. Alles war gesagt. Bis jetzt.

"Do To The Beast" soll dort anknüpfen, wo man vor 16 Jahren aufhörte. "Ich bin schon seit 48 Jahren hier, und diese Platte enthält alles, was ich weiß", gab Greg Dulli im Interview mit Spex von sich. Die Betonung liegt dabei offensichtlich auf "ich". Von der letzten Besetzung der Band ist nur noch Bassist John Curley dabei. Das macht sich schmerzlich bei den ersten Stücken auf "Do To The Beast" bemerkbar. Hier mahlt der Bass, als wolle man gleich vergessen machen, dass Gitarrist und Gründungsmitglied Rick McCollum nicht dabei ist. Der sorgte immer für den unverkennbaren Sound der Afghan Whigs. Stattdessen gibt sich ein All-Star-Team aus Mitgliedern von Chavez, The Raconteurs und der Queens of the Stone Age die Ehre.

Der erste Song, der wirklich nach den Afghan Whigs klingt, kommt erst nach 20 Minuten: "The Lottery". Er bleibt der einzige. Der Rest der Stücke hätte auch auf einem von Dullis anderen Projekten wie "The Twilight Singers" und "Gutter Twins" landen können. Wer also nach einem echten neuen Album der Indie-Souler sucht, wird enttäuscht.

Zum Glück ist Dulli aber immer noch eine Klasse für sich. Egal mit wem er spielt. In "Lost In The Woods" etwa setzen verhalten Streicher und Bläser ein, bis der ganze Song erhaben im Raum schwebt. Große Momente scheute der Sänger nie, egal ob mit den Afghan Whigs oder ohne. Die volle Bläserladung gibt es dann in "These Sticks". Motown lässt grüßen. Das ganz große Kino hebt er sich aber für "I Am Fire" auf. Da greint der Sänger wieder so eindringlich, wie nur er es kann. Und irgendwie ist wieder alles gut. Für die nächsten 16 Jahre.

Wann hört man das Album am besten? Um vier Uhr nachts, nach zwei Flaschen Rotwein.

Wenn das Album ein Kleidungsstück wäre, dann wäre es ein ziemlich verschwitztes Hemd von Marvin Gaye.

Wenn das Album eine Reise wäre, dann führte sie nach Detroit, Home of Motown.

Unten finden Sie Platten, die in dieser Rubrik kürzlich besprochen wurden.