Theater:Puppenspiele

Pressefotos der Kammerspiele

Regisseurin Pınar Karabulut lässt menschliche Riesenpuppen tanzen: die Schauspielerin Annette Paulmann (rechts) mit Bekim Latifi.

(Foto: Emma Szabó)

Die Münchner Kammerspiele widmen der Schriftstellerin Gisela Elsner einen Abend. Für"Sprung aus dem Elfenbeinturm" hat Pınar Karabulut aus Elsners Texten eine schillernde Vorlage erstellt.

Von Egbert Tholl

Auftritt Gro Swantje Kohlhof. Sie tritt durch eine Tür des Eisernen Vorhangs, steht allein vor dem Publikum, trägt einen rosa Hosenrock und ein Oberteil, das wie auf ihren Körper lackiert wirkt. Sie ist ein Überfall. Es ist die erste Premiere im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele seit vergangenem Herbst, der so weit entfernt wirkt, dass man fast erschrickt, wenn einem eine Schauspielerin leibhaftig und vollkommen voraussetzungslos eine Suada der Entrüstung um die Ohren haut: Nazis hin, Nazis her, christdemokratische Wiedervereinigungsflickschuster, Judenwitze, Türkenwitze, Siemensaktien, Stammheim, Massenvernichtungslager, Bayreuther Wagner-Inszenierungen und Deutsche, die sich "die nie bewältigte Vergangenheitsbewältigung durch die Wiedervereinigung vom Halse geschafft" haben. Dann fährt der Eiserne Vorhang hoch, fünf menschliche Puppen werden sichtbar, Kohlhof zieht eine davon wie mit einem großen Schlüssel auf, und das Spiel beginnt.

Der Abend ist Gisela Elsner gewidmet, heißt "Sprung aus dem Elfenbeinturm", soll, so der Untertitel, sich gegen spießbürgerliche Fantasien, Lebenslügen und Kompromisse richten, dauert 160 Minuten ohne Pause und wäre großartig, stünde sich die Regisseurin Pınar Karabulut nicht selbst im Weg.

Elsner wurde 1937 in Nürnberg geboren, studierte in Wien, lebte in New York, Rom und London, wurde 1964 für ihren Debütroman "Die Riesenzwerge" als Sensation gefeiert, kehrte in den Siebzigerjahren nach Deutschland zurück und wäre heute völlig vergessen, bemühte sich nicht der Verbrecherverlag um eine Renaissance ihres Werks. Elsner hatte Zeit ihres Lebens einen großen Widerwillen gegen männlich dominierte gesellschaftliche Mechanismen und gegen alles Bürgerliche, wollte die eigene bürgerliche Herkunft von sich abschaben, schrieb dagegen an in bitterbösen Satiren; sie war eine bohrende Schönheit, nur darauf ansprechen durfte man sie nicht; sie flirtete mit dem DDR-Sozialismus, ohne davon allzu viel Ahnung haben: "Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, die Luft von Leipzig einzuatmen, um sich über die DDR zu informieren." Am Ende ihres Lebens lebte sie völlig isoliert in ihrer Schwabinger Wohnung und sprang 1992 aus dem vierten Stock einer Münchner Privatklinik in den Tod.

Als Regisseurin liebt es Pınar Karabulut bunt und schrill

Pınar Karabulut hat aus Texten Elsners, aus deren Romanen und Interviews eine schillernde Textvorlage erstellt, ein Panoptikum voller Verheißung auf einen herrlich bösen Abend, der dann nur in einzelnen Momenten so stattfindet. Denn als Regisseurin liebt sie es bunt und schrill und vergeigt so gleich mal die erste Szene nach Kohlhofs Prolog aufs Gründlichste. Diese Szene wäre im Kern bitterböse: Kinder spielen in den Ruinen des Kriegs, treiben Handel mit Nazi-Devotionalien und "arisch-blauen" Glasaugen, ihre Währung sind Bombensplitter, und in ihren Träumen gibt es noch viel größere Kriege und Diktaturen, linke Väter werden an die Gestapo verraten. Hier nun stehen großartige Darstellende wie Wiebke Puls, Stefan Merki, Annette Paulmann oder Edmund Telgenkämper wie pastellfarbene Riesenpuppen herum, gesichtslos hergerichtet, und quäken die Kinderspiele in absoluter Albernheit. Da ist nichts mehr böse.

Völlig disparat geht es weiter, von fabelhaften Nummern zu mäanderndem Unsinn, balzt ein russischer General auf Russisch, probiert Wiebke Puls herrlich komisch diverse Sportarten, plagt sich Stefan Merki mit der Fronarbeit in einer Schraubenfabrik herum. Wesentliche Merkmale dieses Treibens: das Fehlen jeglichen Rhythmusgefühls, die bollernde Musik von Daniel Murena, die knallbunten Kostüme von Aleksandra Pavlovic, die gerne Darsteller in androgyne Pferdchen verwandelt. Doch dann interviewt Kohlhof Annette Paulmann, also die Elsner, und alles wird wundervoll luzide. Lieblingsheldinnen in der Gegenwart? "All die Frauen, die nicht bereit sind, sich mit Gegebenheiten abzufinden, nur weil sie gegeben sind." Wirklich emanzipierte Frauen würden in diesem Land gelyncht, die schönsten Plätze auf der Straße sind von "Tortenfresserinnen" belegt, und eine gehörige Portion Sozialismus täte diesem Land gut. Aus diesem Stoff bastelt Karabulut noch einen bizarren Chorgesang, dann folgt irgendwann Höhepunkt zwei, ein halbstündiger Film.

Dass im Schauspielhaus ein Film gezeigt wird, irritiert. Ein Höhepunkt ist er trotzdem

Zwar mag es irritierend sein, nach Monaten des digitalen Theaterfutters im Schauspielhaus einen Film zu gucken, aber dieser, notwendig geworden wegen der Abstandsregeln, ist eine fabelhaft entworfene, beißende Satire auf Männergier in der Eigenheimhölle, vorgeführt mittels einer verschwommenen Party, auf der die Männer viel wollen, aber wenig können und um die strahlende Königin des Abends, Zeynep Bozbay herumgieren. Bozbay beendet dann auch den Abend, allein auf der Bühne, die hinten eine nach oben gebogene Halfpipe ist, auf der zuvor viel geklettert und gerutscht wurde. Sie steht nun da und trägt einen 100-Punkte-Katalog deutscher Eigenart vor, ähnlich wie Kohlhoffs Beginn voller irrlichternder Wut. Und man denkt sich: Hätte Karabulut das, was sie erschuf, konzis zusammengebaut, das Ganze hätte eine Wucht.

Wie das geht, zeigt unmittelbar davor Anne Sophie Kapsner mit acht jungen Laien, die spielen wie fantastisch begabte Jungschauspielerinnen, in der Therese-Giehse-Halle. "Alles Gold, nichts glänzt" ist, frei nach Tschechows "Platonow", eine umwerfende Entrüstung junger Menschen über das Erwachsenwerden und die Erwachsenen, fabelhaft lustig, selbstironisch und selbstbewusst. Und perfekt auf den Punkt.

© SZ/knb
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