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Pinakothek der Moderne:Wundertüte voller Wohnutopien

Werner Aisslinger

Souverän, gelassen und erhellend: Werner Aisslingers Design-Kommentar auf den Alltag des Wandels.

(Foto: Pinakothek der Moderne)

Die Schau "House of Wonders" von Werner Aisslinger gibt amüsante Denkanstöße

Da steht nun also dieses neue Haus. Irgendwo, überall. Es ist ein smartes Haus. Nicht nur, weil es so smart aussieht, also Bauhaus-weiß, kubisch-elegant und sogar ein bisschen mondän, sondern weil es voller digitaler Technik steckt. Und diese Technik ist es nun, die den stolzen Eigenheimbesitzer vor Stolz fast platzen lässt. Man kann das überall sehen, wo derzeit neu gebaut und noch neuer gewohnt wird. Ein ums andere Mal dirigiert der modern behauste Mensch von der Straße aus sein Anwesen: Rollläden rauf, Rollläden runter, Fenster kippen, Fenster schließen, Garagentor auf, Garagentor zu - und der Kühlschrank bestellt sich die Milch im Internet.

Die Schau ist eine klug verdichtete Erzählung von der Evolution der Ding-, Wohn- und Lebenswelt

Die digitale Ära ist im Grunde auch ein sehr großer Sandkasten für sehr große Kinder, in dem die leuchtend bunten Förmchen sehr großen Spaß machen. Nur dass die Förmchen halt all die digitalen Helferlein sind, die uns noch regelmäßig in die Euphorie und Innovationswilligkeit treiben. Die Welt 2.0, 3.0, 4.0, 5.0 und so fort begeistert uns somit jedes Mal aufs Neue. Das technische Update ist zur Telenovela des Alltags geworden, bevölkert von jenen Gadgets, die wir uns gerade erst zu Weihnachten wieder geschenkt haben.

Doch dann kam Aisslinger. Und zwar in die Pinakothek der Moderne - in Form der Ausstellung "House of Wonders". Dort, in der Paternoster-Halle mit dem unermüdlichen Aufzug, hat der in Nördlingen 1964 geborene und seit geraumer Zeit in Berlin lebende Designer eine Installation realisiert, die einem eigentlich den Spaß verderben und die Digital-Euphorie austreiben könnte - würde sie selbst nicht so großen Spaß machen. Vor allem aber: Würde sie nicht selbst so souverän gelassen und erhellend ausstrahlen als Design-Kommentar auf den Alltag des Wandels. Nach dieser Ausstellung hat man vor dem Wohnen 2.0 keine Angst mehr - und man erwartet sich auch keine absurden Wunder davon. Man ist aber sehr neugierig auf Gegenwart und Zukunft.

Werner Aisslinger hat eigens für die bis Herbst 2017 befristete Ausstellung ein interaktives Wohn- und Arbeitsumfeld geschaffen, also eine temporäre Architektur für ein temporäres, ausdrücklich experimentell angelegtes, höchst anregendes Ausstellungsformat. Das macht sich übrigens schon auf dem Gelände vor der Pinakothek bemerkbar, wo sein bereits im Jahr 2003 entworfenes "Loft Cube" zur Stadt hin winkt. Diese nur 39 Quadratmeter große Behausung, die per Kran oder Hubschrauber versetzt werden kann, ist ein mobiler Wohnwürfel. Man muss sich in Erinnerung rufen: So ein Smart-Home, Tiny House oder Mini-Habitat dient mittlerweile sogar der Fertighausbranche als Zeichen unserer nomadisierten und verstädterten, immer flexibleren sowie die Sphären zwischen Wohnen und Arbeiten auflösenden Gesellschaft. Aber Aisslinger hat diesen Megatrend schon vor anderthalb Jahrzehnten vorweggenommen. Unter den Produktdesignern fällt er nicht nur durch seine Kunstsinnigkeit auf - sondern mehr noch durch seine präzise Zeitdiagnostik.

Auch deshalb ist die House-of-Wonders-Schau nicht nur amüsant, scheinen darin doch fast sämtliche Trends der Gegenwart auf, sondern sie ist höchst relevant. Aisslinger glaubt, dass die digitalen Novitäten bald aufgehen werden in unserem Alltag. Somit werden sie zwar ihrer Uiiii-guck-mal-Haftigkeit beraubt, die zunehmende Alltäglichkeit heute noch als exotisch empfundener Kulturtechniken, Technologien oder Materialien hat aber auch etwas Gutes: Das, was sich bewährt, wird eingebunden in das Leben - was nicht, bleibt draußen. Aisslingers Schau ist eine klug verdichtete Erzählung von der Evolution der Ding-, Wohn- und Lebenswelt.

Es bleibt also abzuwarten, ob wir nach der Ära des Wuschens und Wischens wieder das Taktile zurückerobern - oder ob sich die Renaissance des Do-it-yourself als wirklich nachhaltig erweist. Genauso wie das Phänomen des Urban Farming oder jener Nostalgie, die sich im Slogan "Es gibt sie noch, die guten Dinge" ausdrückt. Aisslingers gebaute Phänotypologie ist ein unparteiisches Versuchsfeld des Alltags.

Wer um das Haus der Wunder herumspaziert, begegnet nicht nur einigen von Aisslingers Produkten, sondern mehr noch seiner Idee einer neuen Ganzheitlichkeit. Sein Interesse an neuen Materialien und Technologien macht sich auch in dieser Schau bemerkbar, wie es ja überhaupt die Neugier ist, die sein Schaffen auszeichnet; aber darüberhinaus lässt sich das Wunderhaus auch als Wundertüte der Wohnutopien und Gesellschaftsträume begreifen, der man nicht allein neugierig, sondern auch gut gelaunt skeptisch begegnen darf. Und dass dies nicht allein akademisch aufbereitet wird, sondern als lustvoll-sinnliche Raumerfahrung: Das macht diese temporäre Schau so wunderbar. House of Wonders: Endlich mal ein Ausstellungstitel, dem man vollständig zustimmen kann.

Werner Aisslinger: House of Wonders, Die Neue Sammlung, Paternoster-Halle in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, bis 17. September, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr

© SZ vom 28.12.2016
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