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Phrasenmäher:Surreal

Kaum ein Wort scheint so viele Situationen des gegenwärtigen Chaos so gut zu treffen, wie die Bezeichnung für die künstlerische Bewegung der Zwanzigerjahre, in der Salvador Dali, René Magritte und auch Pablo Picasso die Wirklichkeit infrage stellten.

Kann das alles wahr sein? Markus Söder, einer der vormals unbeliebtesten Politiker in Deutschland, avanciert in Meinungsumfragen zum Hoffnungsträger? Das kommt in dieser Lage einer Superhelden-Rolle gleich. Hoffnung auf bessere Zeiten ist hoch im Kurs, höher noch als Klopapier. Kann es wahr sein, dass die Menschheit von 130 Nanometer kleinem Ungeziefer heimgesucht wird und sich hilflos in ihre Stuben verkriecht? Seit der Pest sind hier 300 Jahre vergangen. Der Schwarze Tod ist eine Sagengestalt, und bei Sagengestalten handelt es sich um bessere Witzfiguren. Gleichzeitig kommunizieren die Menschen mit Hilfsmitteln, die sie noch vor 40, 30, 25 Jahren für utopisch hielten und für eine nette Idee der Drehbuchschreiber von "Raumschiff Enterprise". Sie treffen sich in Gruppen zu Videotalks. Das sind nicht nur Videokrisengespräche, sondern auch Videokaffeekränzchen und Videosagenvorleseabende. Die Menschen des Jahres 2020 wirken so ratlos wie vor 300 Jahren, doch ihre Technik ist so entwickelt wie in ihren eigenen noch ziemlich jungen Science-Fiction-Vorstellungen. Eine finstere Vergangenheit und eine Fantasiezukunft vereinen sich im Alltag. Hinzu kommen die Prognosen über den ökonomischen Weltuntergang. Wobei ihre Urheber schlüssiger argumentieren als Nostradamus, dem man danken muss, dass er über die Coronasache angeblich die Schnauze gehalten hat, wie diese Woche enthüllt wurde. Wer all das nicht wahrhaben will, stempelt es mit einem Attribut ab, das eine saubere Inflation erlebt: surreal. Leute, auch wenn Markus Söder Sience-Fiction-mäßige Umfragewerte erzielt, wir sind hier nicht in einem Picasso-Gemälde. Wir sind in der Realität. Und die ist bitter. Oder höchstens skurril. Beziehungsweise maximal bizarr. Das reicht schon.

© SZ vom 02.04.2020

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