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Phrasenmäher:Die "Challenge"

Krankenhausmitarbeiter kämpfen mit dem Tod, Buchhändler mit der Insolvenz. Und die Sofakrieger daheim? Halten sich mit "Challenges" bei Laune, denn so eine Pandemie ist ja schließlich kein Kinderspiel.

Von Kai Strittmatter

Die Welt stellt uns auf die Probe. Die Intensivpflegerin kämpft mit dem Tod, der Buchhändler mit dem Bankrott, der isolierte Nachbar mit seiner Depression und ganz weit hinten in der Ukraine, da kämpft die Feuerwehr in der verstrahlten Sperrzone von Tschernobyl. Die Challenges aber, die Herausforderungen, die haben wir Sofakrieger für uns reserviert Wir ringen zuhause mit unserem Ennui, und berauschen uns ein wenig an dem Gedanken, an einem historischen Ereignis teilhaben zu dürfen, dessen Tiefe auf uns abstrahlt. Vom Sofa aus ist das wie Krieg, bloß ohne Krieg, dafür mit Netflix und Color-Rado-Megapack, vor allem aber mit WhatsApp, Instagram und Facebook. "Ich nominiere ...". Doch, wir feuern sie schon an, die anderen da draußen, die Pfleger, Ärztinnen und Busfahrer, mit tief empfundenen Likes und Shares. Aber ist ja nicht so, als ob die Pandemie uns keine Hürden aufgeben würde. Challenge accepted, Herausforderung angenommen.

Gerade noch vor der Videokonferenz die Bücherwand imagefördernd sortiert, da taucht auf Facebook die Pool-Challenge auf: Springe in deinen frühlingsfrischen Pool. (Also zeige, dass du einen Pool hast und die Poolfigur dazu). Poste zehn Konzerte, zehn Alben, die dich beeinflusst haben, ein Foto aus der Kindheit, sieben Buchcover ohne Kommentar (aber mit viel Bedeutung). Eine Herausforderung, im Ernst? In der Couchzwergenwelt gewiss. Die wahre Challenge ist natürlich: Wie inszeniere ich mein Ego? Wie navigiere ich am geschicktesten zwischen "Was ich schon immer mal gelesen haben wollte" und "Was ich schon immer mal behaupten wollte, gelesen zu haben". Und so platziert man seine so sensible wie komplexe und humorvolle Persönlichkeit irgendwo zwischen den "Wilden Kerlen", Wolf Haas, Rainer Maria Rilke, Thomas Piketty und dem "Journal of a plague year" von Daniel Defoe (im Original). Kann man schon machen.

Aber dann bitte einfach sagen, was es ist: Poesiealbum für selbstverliebte Erwachsene.

© SZ vom 15.04.2020

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