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Philosophie:Ich, ein Gespenst

Man ruft eine neue "postfaktische" Ära aus. Doch wie tief die Lüge in uns steckt, zeigt ein Essay des Moralphilosophen und einzelgängerischen Denkers Vladimir Jankélévitch aus dem Jahr 1942.

Wer einmal "postfaktisch" sagt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht . . . Sehr viel ist gerade davon die Rede, wir lebten in einer neuen Epoche der Lügen. Und sicher ist es für alle, die die Vernunft obsiegen sehen wollen, schier zum Verzweifeln, was sich da gegenwärtig alles zusammenbraut: aus der Strategie der Populisten, aus dem Bauchgefühl von Donald Trump, aus bestimmten asozialen Netzwerken, aus der Verachtung von Fachwissen und aus der Propaganda diverser Nationalisten und Autokraten.

Kein Zweifel: Der Kampf dagegen muss gekämpft werden. Doch die Entrüstung über "postfaktische" Tendenzen - in Amerika spricht man seit einigen Jahren von "Post-truth politics" - droht auch zweierlei zu verstellen. Erstens, dass Politik früher schon kein purer Faktencheck war. Gerade auch der demokratische, öffentliche Parteienwettstreit operiert seit jeher mit allerlei dehnbaren Behauptungen. Wenn Donald Trump sagt, er sei immer nett zu Frauen gewesen, liegt die Unwahrheit offen zu Tage. Aber ganz klassische Wahlkampfaussagen waren auch oft gelogen, wie etwa: "Wir verbinden ökologische Verantwortung und wirtschaftliches Wachstum" oder Ähnliches. Das heißt nun nicht, dass egal wäre, was stimmt und was nicht. Aber Glaubwürdigkeit ist in der Demokratie nur eine relative Größe, sie wird dem Kandidaten zugeschrieben, der mehr davon zu haben scheint als der andere.

Der zweite Grund, heute nicht zu leichtfertig eine ganze andere Lügen-Ära anzunehmen, ist dieser: Das absichtlich unwahre Reden gehört auch abseits der Politik stets schon zur menschlichen Kommunikation. Und es ist damit wohl im Ganzen weder schlimmer noch besser geworden. Da muss man nicht gleich die postmoderne Philosophie bemühen, die das Entlarven von "Konstruktionen" populär gemacht hat, oder die verästelten Diskussionen der Erkenntnistheorie darüber, wie sich Sprache und Denken zur Wahrheit verhalten. Nein, die Lüge kennen wir als existenziellen Begleiter, seit Odysseus, seit der Schlange im Paradies, sie macht unser Leben geschmeidig und ebenso sehr immer wieder fragwürdig, uns selbst und den anderen Menschen gegenüber.

Misstrauische Zeiten: Das Thema "Lüge" hat Konjunktur auf dem Buchmarkt der 2010er Jahre, mit Neuerscheinungen wie "Die Freihandelslüge", "Die Alzheimer-Lüge", "Die Alles ist möglich-Lüge", "Die Fleißlüge" und vielen anderen "Lügen-Büchern". Wir leben in unsicheren Zeiten, da wächst das Misstrauen, und es blühen die Verschwörungstheorien.

Sich darüber klar zu werden, dabei hilft der jetzt erstmals auf Deutsch publizierte Essay "Von der Lüge" von Vladimir Jankélévitch. Die Lüge, heißt es dort, ist "zugleich gesellig und ungesellig". Denn sie schließt die Mitmenschen aus von der Aufrichtigkeit, von der Verlässlichkeit der Sprache, von der Wirklichkeit hinter der gesellschaftlichen Fassade - und sie macht gerade dadurch oft das Zusammenleben leichter. "Die Lüge bezeichnet genau den Weg des geringsten Widerstandes."

Man schaue allein mal auf die verschiedenen Sprech- und Verhaltensweisen im Beruf und im Privatleben. Die moderne Trennung dieser beiden Sphären, schreibt Jankélévitch, "löst gewöhnlich eine unendliche Folge von Verdoppelungen aus". Nicht alles ist gleich bösartige, verletzende Lüge, aber ein Keim davon liegt schon in den Schwierigkeiten des Austauschs überhaupt: "Die simpelsten Dinge, die am einfachsten zu denken sind, lassen sich gewöhnlich schwer aussprechen! Folglich erfinden wir, aus Angst vor Umständen, etwas Verkürzendes und Glaubhaftes." Jedem ist das aus dem Alltag vertraut, und so kommt es nicht von ungefähr, dass sich der erste, kürzere Teil dieses Buches der Lüge widmet, während der zweite, viel längere Teil "Das Missverständnis" heißt.

Zu seinen Lebzeiten duldete Jankélévitch keine Übersetzungen seiner Werke ins Deutsche

Vladimir Jankélévitch (1903-1985) war ein einzelgängerischer, aber durchaus viel beachteter französischer Denker, der seit 1951 eine Professur für Moralphilosophie an der Pariser Sorbonne innehatte. Er war Sohn russischer Einwanderer, jüdischer Herkunft, er wirkte mit in der Résistance gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg und das kollaborierende Vichy-Regime. Nach dem Krieg entschloss er sich zu einem radikalen Bruch mit Deutschland, dessen Kultur ihm als Kenner der Philosophie und der Musik vertraut war.

Vladimir Jankélévitch: Von der Lüge. Aus dem Französischen von Sarah Dornhof und Vincent von Wroblensky. Hrsg. von Steffen Dietsch. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016. 163 Seiten, 14,90 Euro.

Weil Jankélévitch zu Lebzeiten keine deutschen Übersetzungen seiner Werke duldete, sind sie verzögert hier angekommen. In den letzten Jahren aber sind mehrere Essays erschienen, über den Tod etwa, das Verzeihen und die Ironie. In diesem Herbst erscheint seine Musikphilosophie bei Suhrkamp und eben "Von der Lüge", geadelt durch die Aufnahme in den grünen Kanon der "Philosophischen Bibliothek" im Meiner Verlag. Und das völlig zu Recht, denn dieser Essay umkreist sein Thema zwar nicht erschöpfend, aber in vieler Hinsicht zeitlos hellsichtig und grundsätzlich.

Um so mehr muss man sich zwischendurch daran erinnern, dass "Du Mensonge" mitten in Krieg und Résistance gedruckt wurde, 1942, in einer Zeit von Lüge und Verfolgung, in unsicheren Verhältnissen, durch die sich der Autor als Schullehrer durchschlug. Besonders denkt man an die Zeitumstände beim Lesen der utopisch-traurigen Schlusssätze des Buches: "Vielleicht wird ein Mai kommen, da sich die Menschen, endlich Friede im Herzen, in einem großen Lachausbruch fragen werden, warum sie nicht früher darauf gekommen sind, und wenn sie verstehen, dass es an ihnen lag, wird man sie bitterlich um ihre schöne verlorene Jugend weinen sehen."

Sonst ist der Duktus aber oft auch kühler, analytischer. Und gerade diese Mischung spricht den Leser an. Der Vorzug von Jankélévitchs Nachdenken über die Lüge ist, dass er nicht so rigoros wie Augustinus oder Immanuel Kant damit umgeht, aber auch nicht so frivol wie manche Machiavellisten des Alltags oder so anti-moralisch wie Friedrich Nietzsche. Der Autor verschweigt nicht das Miese, Verderbende der Lüge, er beschreibt sie - als Philosoph der Zeit, der er auch ist - als eine "herauszögernde List", die durch das ständige Risiko ihrer späteren Aufdeckung "aus dem Ich ein Gespenst" machen kann. Da gelingen Jankélévitch immer wieder eindringliche Beobachtungen, die man nicht so schnell vergisst: "Man lügt niemals, ohne es zu wollen. Daher ist die erste Lüge eines Kindes auch so schwerwiegend. Der Tag der ersten Lüge ist ein wahrhaft feierlicher, an dem wir beim Unschuldigen die beunruhigende Tiefe des Bewusstseins entdecken."

Über das Lügenverbot, das bei Kant sehr strikt ausfiel, diskutieren manche heutige Autoren mit relativierenden Eiertänzen, wie einem Schwerpunkt zum selben Thema in der jüngsten Zeitschrift für Kulturphilosophie zu entnehmen ist. Anders Jankélévitch. Er lässt keinen Zweifel am moralischen Problem, erklärt aber verständnisvoll, wie die "stoßdämpfenden" Lügen zum Leben in Gesellschaft dazugehören. Und mit ein paar schönen Strichen skizziert er die alte Verwandtschaft von Lüge und Fiktionalität: "Der Zauberstab, die Sternschnuppen oder, wenn sie nicht verfügbar sind, die romanhaften Träume und alle Schimären der Nacht dienen dazu, das Mögliche auszudehnen: Sie vervollständigen die mittelmäßige, prosaische Wirklichkeit, sie schlagen über die Zeit hinweg die Brücke der wundersamen Lügen." Nun sind, zugegeben, literarisches und politisches Fabulieren nicht dasselbe. Aber das "Postfaktische", spürt man nach Lektüre dieses Buches, steckt schon länger in uns.