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Sexueller Missbrauch:Biograf von Philip Roth wird Vergewaltigung vorgeworfen

American writer and biographer Blake Bailey is photographed at Hotel Palomar in Los Angeles Thursda

Blake Bailey, Schriftsteller und ehemaliger Lehrer.

(Foto: Allen J. Schaben/ Getty)

Dem Schriftsteller Blake Bailey wird Vergewaltigung vorgeworfen. Der Verlag stoppt die Auslieferung seines neuen, gelobten Buchs.

Von Willi Winkler

Lolita also wieder, das schlimme Buch, das so schön beginnt: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele." In Vladimir Nabokovs Roman schildert ein "Witwer weißer Rasse", wie er einem zwölfjährigen Mädchen verfällt, wie er sie nach dem Unfalltod ihrer Mutter, die der Wüstling nur geheiratet hat, um sich an Lolita heranzumachen, entführt und vergewaltigt. Es ist die Geschichte einer Obsession, beim Erscheinen und auch später immer wieder verboten, ein Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts, aber vielleicht nicht unbedingt die ideale Schullektüre für Vierzehnjährige.

Vor mehr als 25 Jahren soll der Lehrer Blake Bailey Buch mit seiner Klasse an der Lusher-Schule in New Orleans durchgenommen haben, und zwar zu keinem anderen Zweck, als um damit die Mädchen, sobald sie erwachsen wären, zu verführen. Der Vorwurf mag absurd klingen, er wird jedoch von mehreren Schülerinnen erhoben, die viele Jahre später tatsächlich sexuelle Kontakte mit ihrem ehemaligen Lehrer hatten, ganz und gar nicht freiwillig. Zwei Frauen sprechen von "Vergewaltigung".

Bailey ist kein Lehrer mehr, er hat das Unterrichten schon lange aufgegeben, er ist selber Autor geworden. Er hat Biografien von Richard Yates und John Cheever geschrieben, wurde dafür mehrfach ausgezeichnet und konnte so das Interesse von Philip Roth wecken, der ihn damit beauftragte, nun auch seine Biografie zu schreiben. Er werde ihm nicht dreinreden, versicherte Roth, der vor knapp drei Jahren gestorben ist, nur solle Bailey bitte nicht nur über sein, Roths, Sexleben schreiben. Dafür gewährte er ihm unbegrenzten Zugang zu seinem Archiv.

Mindestens fünf Frauen berichten, dass er sich an ihnen vergangen habe

Philip Roth hat sein Leben, auch sein erotisches, ständig zum Thema gemacht, angefangen 1969 mit "Portnoys Beschwerden", in denen er auf bis dahin nicht gelesene Weise die Leiden eines triebgestauten Adoleszenten schilderte. Für Frauen fand er selten solche Koseworte, wie sie Nabokov seinen von Lo. Li. Ta. besessenen Witwer flüstern lässt, und seine zweite Ehefrau hat in einem ganzen Buch mit ihm abgerechnet (auf das er wieder mit einem eigenen reagierte). Deshalb wurde in manchen Rezensionen bereits moniert, dass Bailey seinen Gegenstand von Mann zu Mann zu gut wegkommen lasse, ein Nachteil natürlich auch der autorisierten Biografie.

Dennoch waren die Kritiken, seit das Buch Anfang des Monats erschienen ist, fast durchweg positiv. Baileys gründliche Recherche wurde allgemein gerühmt, auch dass er Roths große Schwäche, den Kummer darüber, dass er nie den so ersehnten Nobelpreis erhalten habe, nicht verschwiegen habe. Nach allem, was den Kommentaren zu entnehmen war, handelt "Philip Roth" also nicht ausschließlich von Sex.

Für Bailey geht es inzwischen um nichts anderes mehr. Mindestens fünf Frauen haben sich inzwischen gemeldet und berichten, dass er sich an ihnen vergangen habe. Bei Lesereisen habe er sie zu einem Glas eingeladen und jeweils versichert, dass er sie schon seit der Schule begehrt habe. Die jungen Frauen erinnern sich nach 25 Jahren an die Aufmerksamkeit, die er ihnen als Schülerinnen zukommen ließ und die ihnen damals nicht unwillkommen war, die sie aber heute als Vorbereitung der Verführung sehr viel später interpretieren. Bailey hat über einen Anwalt erklären lassen, dass er "nie eine Frau unangemessen behandelt und sich nie einer Frau aufgedrängt" habe.

Von Amazon kam vorgestern die lakonische Mitteilung, dass sich die Lieferung des Anfang März bestellten Buches "leider verzögern" werde. "Wir bemühen uns, Ihnen den verspäteten Artikel so schnell wie möglich zu liefern". Davon kann allerdings keine Rede sein, denn der Verlag W. W. Norton hat die Auslieferung gestoppt, die Roth-Biografie, die auf der Bestsellerliste der New York Times stand, soll vorläufig nicht nachgedruckt werden. Die Agentur, die Bailey vertritt, hat ihn bereits am Montag rausgeschmissen. Beim Hanser-Verlag, in dem die deutsche Ausgabe des im Original gut 800 Seiten starken Buches erscheinen soll, heißt es: "Wir beobachten den Casus." Es ist sicher kein Fehler, in der Zwischenzeit Philip Roth zu lesen, zum Beispiel und vor allem, den "Menschlichen Makel".

© SZ/crab
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