Handke-Novelle "Mein Tag im anderen Land":"Häßlich, häßlich, verboten häßlich!"

Peter Handke, 2017

Begann als junger Wilder: Peter Handke, Jahrgang 1942.

(Foto: Johannes Simon)

Was für ein Publikum wünscht sich Peter Handke? Ein paar Antworten aus seinem neuen Buch.

Von Marie Schmidt

Wie war das noch mal 1966? Das wissen wir natürlich gar nicht mehr, wir Nachgeborenen, wir Internetsüchtlinge, wir Idioten des 21. Jahrhunderts. Das lesen wir uns an und gucken es auf Youtube: Wie der noch pausbäckige Österreicher Peter Handke beim Treffen der Gruppe 47 in Princeton gegen die patriarchale Geisteselite wetterte: "keinerlei Fähigkeiten und keinerlei schöpferische Potenz zu irgendeiner Literatur". Und wie er im selben Jahr mit der Claus-Peymann-Aufführung seines ersten Stückes "Publikumsbeschimpfung" die Zuschauer aus ihrem Guckkastenschlaf weckte. Handkes Rede, "ihr Stiernacken, ihr Kriegstreiber, ihr Untermenschen", war da auf vier Schauspieler verteilt. Noch heute ist erstaunlich an der alten Fernsehaufnahme, wie begeistert das Publikum sofort mitspielte.

55 Jahre später haben sich Handke und sein Publikum immer mal wieder und zunehmend humorlos beschimpft. Zuletzt, als er 2019 den Literaturnobelpreis bekam und noch mal seine Parteinahme für Serbien in den jugoslawischen Zerfallskriegen zur Debatte stand. "Ich bin nicht hier, für diesen Scheißdreck, auf diesen Scheißdreck zu antworten", sagte er bei der Gelegenheit zu Journalisten. Die erste nach diesem Fallout entstandene längere Prosa Handkes erscheint jetzt unter dem Titel "Mein Tag im anderen Land", und es gibt darin einen Erzähler, der sich als Paria beschreibt, als Spinner im Dorf. Seine zentrale "Wahnperiode" habe er zwar "in Fleisch und Blut" erlebt, aber keine eigene Erinnerungen daran.

Von seiner Schwester, die in dieser Zeit seine Aufgaben als Obstgärtner übernommen habe, erfährt der Erzähler, dass er auf dem Friedhof gelebt habe und von dort aus leise vor sich hinsprechend, später brüllend durchs Dorf gezogen sei. Man beachte, wie Handke seine "Ortsdurchquerungssuada" gendert: "Der oder die mit dem fliehenden Kinn ein gleiches Ärgernis wie die oder der mit dem vorstehenden, die Adlernasen genauso unschön wie die Stupsnasen, alle die kleinen Busen gleich schamlos wie die großen, Blondhaar ebenso alt aussehend wie schlohweißes. Häßlich, häßlich, verboten häßlich!" Nicht nur Publikumsbeschimpfer, vielmehr Existenzbeschimpfer ist dieser Charakter: "Hassenswertes Blau des Himmels. Nieder mit der Schöpfung."

Handke meint es leider bitter ernst mit seinem Außenseiter-Topos

Für Momente mag man glauben, dass Handke in der absurden Hybris dieser Figurenrede seinen jugendlichen Humor wiedergefunden hat. Man hofft zugleich, bitte, lass es keine Künstlerparabel werden. Diese Homo-sacer-Gestalt, von den Kindern gemieden, von den Erwachsenen zum warnenden Beispiel gemacht, die gefährlich ist und durch die Gegenwehr der Leute selber in Gefahr, wirkt als Dichter-Alter-Ego doch furchtbar melodramatisch, oder zumindest leise pubertär. Zumal in einer Zeit, in der jeder beliebige Bürger Anspruch auf seine Singularität erhebt, in dieser Literaturstipendiaten-Gegenwart, in der die Broker und Betrüger einsamer über die Masse erhoben sind als jeder Künstler.

Handke meint es aber bitter ernst mit dem Außenseiter-Topos: "Meine Schwester", heißt es in "Mein Tag im anderen Land", "mutmaßte seinerzeit, solche im übrigen episodischen und tags darauf verflüchtigten schlechten Meinungen zu meiner Person rührten daher, daß ich, noch als Junger, bald nach der Landwirtschaftsschule, ein Buch über den Obstbau geschrieben hatte, eine bloße Broschüre ,Über die drei Arten, Spalierbäume zu ziehen', wovon aber im Dorf das Gerücht namens ,Buch' in Umlauf war, als etwas für unsere Region Fremdes, gar Anmaßendes, wenn nicht Macht Behauptendes, und zwar eine falsche, eine gefälschte Macht. ,Der Obstgärtner im Machtwahn!'" Es wird nicht sein letztes Buch bleiben.

So ein Obstbaubuch hängt wirklich, weiß die Handke-Biografie von Malte Herwig, "im Herrgottswinkel seines Schreibzimmers" in Chaville bei Paris. Handkes 1943 im Zweiten Weltkrieg gefallener Onkel Gregor Siutz hat es geschrieben, nach dem Figuren in vielen seiner Bücher heißen, sein "schreibender Vorfahr". In dieser Familienkonstellation betrachtet, entspräche die Schwester der neuen Novelle, die dem Erzähler seine Geschichte wiedergibt, wo er sich nicht selbst erinnern kann, Handkes Mutter. Die soll den verlorenen Bruder "das Beispiel eines Menschensohns" genannt haben.

"Zuschauen, ein rein mitgehendes, selbstlos teilnehmendes, freundschaftliches."

In ihrem zweiten Teil geht die Außenseiterparabel denn auch über in eine Umschrift der biblischen Wunderheilung Jesu an einem von Dämonen Besessenen. Dem, der im Markus-Evangelium zu Jesus sagt: "Legion heiße ich; denn wir sind viele" - zitiert von Black Sabbath bis Tocotronic. Handkes Erzähler wird aber nicht von einem gewöhnlichen Heiland zu Verstand gebracht, sondern von den "Augen eines Mannes", den er "der Gute Zuschauer" nennt. Da horchen wir normalen, von Handke auch hier wie so oft für unser Banausentum geschmähten Leser auf. Wie stellt er sich den vor? Jedenfalls soll er "anders als viele der aktuellen wie auch organisierten Zuschauerschaften" nicht "im Interesse eines Markts oder, bewahre!, der Macht" zuschauen.

Erlösung bedeutet für den Künstler ein "Zuschauen, ein rein mitgehendes, selbstlos teilnehmendes, freundschaftliches. Es wollte dabei auf keinen Fall gesehen werden. Und wurde doch gesehen." Es ist das interesselose Wohlgefallen der guten, alten Ästheten. Das müssen andere sein als die Zuschauer, die der junge Handke mit der "Publikumsbeschimpfung" frei machen wollte "wie die Kinder, die den Kasperl beim Kasperlespiel durch Schreien und Johlen vor dem Krokodil warnen können".

Der erlöste Erzähler jedenfalls wird wie in der Bibel losgeschickt, um "in der Dekapolis" von seiner Heilung zu künden. Eine Wanderung beginnt, hier als metaphorische Lebensreise, auf der verschollene Vorfahren und ungeborene Kinder auftauchen, rücksichtslose und dankbare Wegelagerer, eine "Frau, die später die meine wurde". Schattenhaft gleiten sie am Rande des Gesichtsfelds vorbei in diesem "anderen Land", das aber vor allem verbaut ist und menschenleer: "Es war ein Werktag, an dem ich das mir unbekannte, oder unbekannt gewordene Land durchstreifte, und zugleich sah ich mich Schritt um Schritt in einem Feiertag."

Handke-Novelle "Mein Tag im anderen Land": Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte. Suhrkamp, Berlin 2021. 93 Seiten, 16 Euro.

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte. Suhrkamp, Berlin 2021. 93 Seiten, 16 Euro.

Dazu passend hat der Biograf Malte Herwig gerade in der Welt am Sonntag erzählt, wie es Peter Handke in der Corona-Pandemie so geht. In Frankreich, wo er lebt, gibt es eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 19 und sechs Uhr, man darf sich nicht weiter als zehn Kilometer von zu Hause entfernen. Für einen Schriftsteller, "der sich seine Bücher erwandert", seien das unmögliche Bedingungen. Weshalb ihm sein französischer Verlag Gallimard ein Schreiben ausgestellt habe, hier arbeite einer "an einem großen Werk". Damit geht er durch die verlassene Welt.

Herwig beschreibt, wie Handke nachts auf dem leeren Platz vor der Kathedrale Notre-Dame sitzt und die Rosette abzeichnet. Drei Polizisten treten auf und fragen, was er da tut. Als er seinen Passierschein vorzeigt, "hellten sich die Gendarmengesichter auf", weil es ja eine Kulturnation ist. Hier lebt der Dichter das Emblem der einsam irrenden Lichtgestalt, das er in "Mein Tag im anderen Land" noch einmal erschafft. Oder er findet jedenfalls immer wieder einen, der an dieser heiligen Legende mitschreibt.

Damit seine Rolle als Outcast irgendeinen Sinn ergibt, braucht er aber eben auch die unter uns dringend, die ihn für seine Künstlerpose auslachen und für seine Eitelkeit verachten. Ganz ist der alte Puppenspieler noch nicht hinter dem Mythos seiner selbst verschwunden. Als weitgereister Würdenträger blickt er in seinem neuen Buch "über die Schulter in eine Schwärze der Schwärzen" und ruft: "Seid ihr alle da?" - Ja, eh.

© SZ/fxs
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