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Oper:Völlig losgelöst

Damien Jalet und der grandiose Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui haben Debussys "Pelléas" in den dunklen Bühnenbildwelten der Performancekünstlerin Marina Abramović inszeniert.

(Foto: Rahi Rezvani)

Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" im leeren Genfer Opernhaus: Das ist zwar schlechter als live, aber viel besser als gar nicht.

Von Reinhard J.Brembeck

Früher, als es noch Konzerte und Opernaufführungen im Übermaß gab und in Klassikhochburgen wie Berlin, Prag, Wien, Paris oder London die Musikfreunde, so sie das Geld hatten, gar nicht wussten, wohin sie am Abend gehen sollten, da konnte man die Ansprüche an Künstler und Aufführungen schon beliebig hochschrauben. Das war nicht nur aus heutiger Sicht blasiert und anmaßend.

Jetzt, wo man in keinen Klassiktempel mehr als Zuhörer Einlass findet, ist das ganz anders. Da werden nach mittlerweile zweieinhalb Monaten Klassiklockdown auch die hartgesottensten Liveverfechter doch gelegentlich schwach und nehmen den einen oder anderen Stream zu sich, also mehr oder weniger dilettantisch abgefilmte Aufführungen mit einer mehr oder weniger wohnzimmertauglichen Klangqualität. Und jeder ist überaus dankbar, wenn ein Opernhaus ausnahmsweise einmal eine Livepremiere anbietet. So wie jetzt das Grand Théâtre de Genève, das Claude Debussys einzige Oper "Pelléas et Mélisande" vor leeren Rängen auf die Bretter gebracht hat, wobei der Klassikfreund keinerlei Abstriche bei seinen Ansprüchen machen muss.

Der "Pelléas" ist ein tödlich endendes Eifersuchtsdrama, der Titelheld und die Frau seines Halbbruders sind einander verfallen und am Ende tot. Das ist banaler Alltag. Andrerseits aber sind sowohl der Text von Großdichter Maurice Maeterlinck als auch die Musik von Claude Debussy ganz Schweben, Zartheit, Erotik, Raffinesse, Zauber, Dunkel, Todesahnung. Dazu kommt noch ein Schuss Sozial- und Feudalismus- und Machismus-Kritik, was aber im stücktypischen Ungefähren bleibt. Der Mix aus Eifersuchtsmord, Weltenunglück und Geraune macht den großen Reiz des "Pelléas" aus, daraus resultiert seine absolute Sonderstellung: Der "Pelléas" ist ein berühmtes Stück ohne jede eingängige Arie, das leicht furchtbar langweilig werden kann, wenn Musiker und/oder Regisseure sich allzu dezidiert für eine klare Deutung entscheiden.

Zwischen Eifersuchtsdrama und erstickender Fin-de-siècle-Atmosphäre

Der Genfer "Pelléas" wahrt den Mix, er vermittelt faszinierend zwischen Eifersuchtsdrama und erstickender Fin-de-siècle-Atmosphäre. Auf den Protagonisten liegt der absterbende Feudalismus lähmend wie Mehltau. Jacques Imbrailo grundiert den Pelléas mit Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, Depression. Sein Bruder Golaud, Leigh Melrose, zeigt ihn als einen Strauchelnden aus Samuel Becketts absurden Universen, schleppt plötzlich diese seltsame, menschenscheue und undurchschaubare Mélisande aus einer fremden Welt an, die in ihrer blonden Zartheit für alle am Hof plötzlich ein (nicht einlösbares) Versprechen auf Zukunft, Ausbruch, Aufschwung ist. Doch Mari Eriksmoen hat nur Pelléas im Auge, nur ihm gelten Zärtlichkeit, Duft, Schleier, Sehnsucht ihrer Kantilenen. So klingt die perfekte Liebe, so muss sie, sich ihrer selbst bis zum Schluss nicht bewusst als Liebe, gespielt werden.

Jonathan Nott, der neue Chefdirigent in Genf, wurde in seiner Zeit in Bamberg lange unterschätzt. Jetzt darf und kann er Dank diesem Lockdownstreaming der ganzen Welt vordirigieren, und er zeigt es großartig: zugreifend verträumt, treibend weltverloren, romantisch modern, klangsinnlich strukturalistisch. Nott kann solche Antagonismen leicht und selbstverständlich herstellen. Die braucht es für den "Pelléas", und deshalb ist seine Lesart durchgehend magisch.

Hier geschieht, wovon Debussy träumte und was er oft zart, manchmal heftig und immer unbedingt komponierte

Damien Jalet und der grandiose Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui haben in den dunklen Bühnenbildwelten der Performancekünstlerin Marina Abramović inszeniert. Bis zu sieben weißleuchtende Riesenmonolithe (Obelisken? Menhire? Monsterschwerter?) strukturieren die schwarze Bühne, ein blauer dünner Rand fasst die Szene ein, drei bis sieben Männertänzer füllen die Zwischenspiele und Szenen mit getanzter Leidenschaft, Körperlichkeit, Sehnsucht, Unbedingtheit. Hier geschieht, wovon Debussy träumte und was er oft zart, manchmal heftig und immer unbedingt komponierte: Der Alltag und die Liebe verlieren sich im Universum, das von vielen Menschen gar nicht wahrgenommen wird, aber doch immer vorhanden ist und der Liebe und dem Alltag ihre Würde und Größe erst gibt.

Diese Französisch gesungene und Französisch untertitelte Aufführung ist noch auf der Kulturplattform Opera Vision zu sehen. Sie lohnt die Mühe. Denn wer schon den ganzen Tag in Zoomkonferenzen vor dem Bildschirm verbracht hat, vergisst hier sehr schnell, dass er noch immer vor einem Bildschirm sitzt. Er lernt, dass der Bildschirm doch sehr viel mehr und beglückendere Möglichkeiten besitzt, als es die Seuche und ihre Bekämpfer vermuten lassen. Und die Opernhäuser lernen spätestens hier und jetzt, dass sie ihre Produktionen auch in Zukunft als Stream rund um die Welt schicken werden müssen. Denn das Glück vor einem Bildschirm ist zwar ein dezidiert anderes als in einem Musiksaal, aber es kann, siehe Genf, ebenfalls riesig sein. Das wird kein Musikfreund mehr missen wollen.

© SZ/mau
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