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"Peace Trail" von Neil Young:Der gute Geist mit schwacher Stimme

Etwas schratiger, aber nicht uncooler Hund, dem auf die bestmögliche Art noch längst nicht alles egal ist: Neil Young.

(Foto: Danny Clinch/Warner)

Ein etwas schratiger, aber nicht uncooler Hund: Auf seinem neuen Album "Peace Trail" klingt Neil Young verblüffend gegenwärtig. Wie macht er das nur?

Neil Youngs Gesangsstimme gilt als die schwächste unter den schwachen Stimmen der großen alten Helden des Pop. Weit schwächer noch als das oft geschmähte Organ Bob Dylans. Tatsächlich singt Neil Young streng genommen nicht, er nölt. Dazu kommt, dass seine hohe, dünne Stimme die Noten noch nie allzu sicher getroffen hat, so dass sein oft an der Grenze zum Sprechen jonglierender Gesang schon immer etwas wacklig klang.

Das Bezaubernde daran ist aber natürlich, dass diese Schwäche immer auch eine große Stärke war. Man begreift das gerade jetzt am heutigen Freitag noch einmal, an dem mit "Peace Trail" (Warner) sein siebenunddreißigstes Album erscheint. Und es liegt gar nicht in erster Linie daran, dass eine geschickt inszenierte schwache Stimme gerade im Folk und Folkrock, der ja traditionell auf der Seite des Benachteiligten, Entrechneten oder sonstwie Geschwächten steht, immer auch die unschlagbare Aura des Authentischen hat. Es liegt vor allem daran, dass Neil Young noch immer ein grandioser Songwriter, vor allem aber auch ein cleverer, sparsamer und selbstironischer Arrangeur seiner Songs ist.

Ein etwas schratiger, aber nicht uncooler Hund

Man kennt das von Geniestreichen wie "Cortez The Killer" vom 1975 veröffentlichten Album "Zuma" oder von den ganz großen Hits wie "Heart Of Gold", "Old Man" oder "The Needle And The Damage Done" von seinem bis heute sicher besten, 1972 erschienenen Album "Harvest", das er wegen schwerer Rückenprobleme mehr oder weniger im Liegen aufnehmen musste. Als großem, konsequenten Schroffisten und absichtsvoll grobmotorischen Feedback-Fiesler gelang es ihm dann in den Neunzigern sogar zum Paten des Grunge zu werden, den Kurt Cobain verehrte und der 1995 mit "Mirror Ball" ein ganzes Album mit Pearl Jam als Studioband aufnahm.

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Danach gelang ihm nichts Vergleichbares mehr, aber er nahm - mal allein und immer wieder mit seiner Band Crazy Horse - weiter Platten auf, auf denen er seiner Kunst zwar nichts Wesentliches mehr hinzufügte, sie aber im Großen und Ganzen auch nicht, wie so viele andere seiner Generation, peinlich an die Lustlosigkeit oder den Altersehrgeiz verriet.

Im Gegenteil. Neil Young wurde als ein etwas schratiger, aber nicht uncooler Hund alt, dem noch längst nicht alles egal ist. Mit dem Neo-Bluesrock-König Jack White nahm er 2014 etwa das spröde Album "A Letter Home" in einem Voice-O-Graphen auf, einem Studio für Vinylaufnahmen aus dem Jahr 1947 von der Größe einer Telefonzelle. Er lancierte als erklärter Sound-Fetischist und Streaming-Fan mit Pono einen, bislang allerdings erfolglosen, Online-Musikdienst für nicht-komprimierte Musikdateien.

Und auch der politische Kopf Neil Young ist noch nicht im Ruhestand: Auf "The Monsanto Years" wetterte er im vergangenen Jahr gegen die Macht von Konzernen wie dem Saatgut-Riesen Monsanto oder Starbucks.

Auf allerbeste Art gegenwärtig

Ganz große Pop-Kunst war das alles natürlich nicht, eher etwas für die Hardcore-Fans, aber in seiner kratzigen Eindringlichkeit doch auch das Werk eines eindrucksvoll wachen, fast jugendlich inspiriert wirkenden Zeitgenossen. Man wunderte sich nicht mehr allzu sehr, als bekannt wurde, dass er im Februar sogar mit dem jungen Rapper D.R.A.M. im gejammt haben soll. Ein Duett mit D.R.A.M. gibt es auf dem neuen Album nun zwar noch nicht, aber "PeaceTrail" scheint auf allerbeste Art noch gegenwärtiger zu sein, als man zu hoffen gewagt hätte. Im Kern ist es ein ziemlich rohes, rumpeliges Folk-Album geworden, auf dem Neil Young eine Menge verzerrte Mundharmonika und unverzerrte Akustik-Gitarre spielt und wenig Hilfe braucht. Einzig der fein polternde Drummer Jim Keltner und der ausnehmend unprätentiöse Bassist Paul Bushnell waren bei den viertägigen Aufnahmen dabei. Es geht um die Plage gefälschter Nachrichten oder die Rechte der Indianer und manchmal, in "My Pledge" oder "Peace Trail", verfremdet Young seine Stimme sogar mit Auto-Tune, dem Lieblings-Effekt des High-score-Pop. Aber er wirkt bei all dem nie wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Eher wie ein guter alter Geist. Es muss an der Stimme liegen.

© SZ vom 09.12.2016/luc
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