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Buch über Benediktiner-Klöster:Es kamen dunklere Zeiten

Kloster Weingarten

Entsagung und Revolution: Der Klostergang in der Benediktinerabtei Sankt Martinus in Weingarten.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der italienische Journalist Paolo Rumiz findet in den Benediktiner-Abteien ein Lebensmodell und den Plan für eine Erneuerung Europas.

Die Basilika San Benedetto in Norcia, vor 800 Jahren errichtet an dem Ort, an dem um das Jahr 480 Benedikt, der Gründer des nach ihm benannten Ordens, geboren sein soll, ist seit dem 30. Oktober 2016 ein Haufen Schutt. Das Erdbeben ließ zwar die Fassade stehen, aber sie ist ein fragiles Gebilde. Immer noch wird sie von zwei Gerüsten gehalten, in Erwartung einer Rekonstruktion, die in diesem Jahr hätte beginnen sollen. Die Statue des Heiligen jedoch, eine Schöpfung des späten 19. Jahrhunderts, steht unversehrt auf dem Platz vor der Basilika. "Ein Mann mit langem Bart und weiter Kutte hob den Arm, als wolle er auf etwas zwischen Himmel und Erde zeigen", heißt es in einem vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienenen Buch, das der italienische Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz dem Wirken der Benediktiner widmete. Sechzehn Abteien besuchte er zu diesem Zweck, über halb Europa verteilt, sechzehn Klöster, in denen sich eine meist nur noch geringe Anzahl von Mönchen befindet. Sie aber gehen den Tätigkeiten nach, denen Benediktiner immer nachgehen: dem Beten und dem Arbeiten, wobei Letzteres sich in die Landwirtschaft und das Bildungswesen teilt.

Von der Antike war, als Benedikt von Nursia seinen Orden gründete (falls er es tat, was keineswegs gesichert ist), zwar noch etwas mehr übrig als ein Haufen Schutt und eine Fassade. Doch waren Geist und Macht von ihr gewichen. Gleichgültig, wie man das Datum ansetzt, ob mit der Absetzung des Kaisers Romulus Augustus im Jahr 476 oder mit der Schließung der Platonischen Akademie im Jahr 529, im selben Jahr, in dem das erste Kloster der Benediktiner entstand: Es begannen dunklere Zeiten. Die Städte verloren ihre Bedeutung ebenso wie die Literatur, die künstliche Bewässerung oder das sorgfältig unterhaltene Straßennetz.

Die Mönche waren im gesamten Mittelalter überall willkommene Kolonisatoren

Wenn das antike Erbe dennoch überlebte, an einem "langen Faden" und über die Jahrhunderte hinweg, so hatten die Benediktiner einen großen Anteil daran, weil sie in ihren Klöstern Kassiber aus der Vergangenheit bargen. Sie bewahrten die literarischen Zeugnisse und sicherten die Überlieferung, wie sie überhaupt an der Schriftlichkeit festhielten, als Medium zum Beispiel auch des Wissens um die avancierteren Techniken der Landwirtschaft. Benediktinerklöster sind stets eine Kirche, eine Bildungseinrichtung und ein Mustergut zugleich gewesen, und sie sind es, mit Einschränkungen, immer noch.

Paolo Rumiz lässt keinen Zweifel daran, dass den finsteren Zeiten, denen die alte Welt vor 1500 Jahren entgegenging, in seinen Augen eine gleichermaßen finstere Gegenwart entspricht. Die Reise, die er durch europäische Benediktinerklöster unternimmt, ist ein Versuch, Licht in die Dunkelheit zu bringen, mit den Mitteln der Reportage und geleitet von der Vorstellung, in der Besinnung auf die benediktinischen Tugenden das geeignete Mittel für eine allgemeine Erleuchtung gefunden zu haben: in der bäuerlichen Arbeit und im Studium der Bücher, in der Liebe zur Kunst und in einer allgemeinen Schlichtheit der Lebensverhältnisse (vom guten Essen abgesehen). Seine Finsternis besteht aus der Mafia, Steuerhinterziehern, Spekulanten, Bürokraten und Rechtspopulisten, die gegen Immigranten mobil machen. Von einer Virusepidemie weiß Paolo Rumiz noch nichts, wenngleich es in Italien gegenwärtig viele Menschen geben soll, die es den Benediktinern gleichtun wollen, indem sie sich etwa ihren Gemüsegärten mit einer Inbrunst zuwenden, wie sie das schon lange nicht mehr taten.

Die Benediktiner waren in die Wildnis gegangen. Sie taten es nicht nur, weil sie sich von verfallenden Städten abwenden wollten. Sie taten es vor allem, weil das wüste Land die Möglichkeit versprach, in begrenztem Rahmen soziale Ordnungen von einer Stabilität aufzubauen, wie sie in urbanen Verhältnissen nicht mehr möglich war. So drangen die Benediktiner in unwirtliche Gegenden vor, im Südosten von Rom, vor allem aber in den Abruzzen.

Die eindrucksvollsten Passagen des Buches sind dem Gehen und dem Sehen gewidmet

Dort findet Paolo Rumiz nicht nur das "nervöse", weil von zahllosen Beben erschütterte "Rückgrat" Italiens, sondern ganz Europas. Schon Montecassino, das erste Kloster der Benediktiner, liegt auf einem hohen Berg in einer eher abgelegenen Gegend. Und wer heute eine Vorstellung davon haben will, was die Mönche damals taten, sollte vielleicht ein Dorf wie San Giovanni in Venere besuchen, das, obwohl nicht weit von der Adria entfernt, noch immer einen Eindruck von der Abgeschiedenheit vermittelt, in der die Klöster der Benediktiner einst gegründet wurden.

Paolo Rumiz: Der unendliche Faden. Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien/Bozen 2020. 240 Seiten, 22 Euro.

Die Mönche waren, über das ganze Mittelalter hinweg und noch weit darüber hinaus, überall willkommene Kolonisatoren. Wo sie hinkamen, wurde gerodet, gewirtschaftet und gebaut, in enger Bindung an den jeweiligen Ort, in relativer Freiheit dem katholischen Zentralismus gegenüber. Es herrschten geordnete und tendenziell friedliche Verhältnisse, im Gegensatz zu den oft wüsten Konflikten der Feudalherrschaft, und die Gastfreundschaft wurde, mehr oder minder, in Ehren gehalten.

Es wirkt wie Verzweiflung und wie eine Erlösungsfantasie, wenn Paolo Rumiz die Klöster besucht, um darin nicht nur ein Lebensmodell für die Gegenwart zu finden, sondern auch den Plan für eine Erneuerung Europas. Es ist ohnehin leicht, sich über einen Antikapitalismus mit frommen Zügen lustig zu machen, vor allem, wenn man daran denkt, wie leer diese Abteien heute sind, die vor tausend Jahren jeweils eine ganze Region zu prägen vermochten. Ein Dutzend Mönche hier (von denen, wie Paolo Rumiz zugibt, nicht alle angenehme Menschen sind), ein wenig gregorianischer Gesang dort, und es hilft offenbar auch nicht viel, wenn in Sankt Ottilien am Ammersee Notker Wolf, der ehemalige Abtprimas der Benediktiner, gelegentlich auf der elektrischen Gitarre spielt.

Paolo Rumiz fordert zwar eine "Revolution", aber er ist nicht so unvorsichtig, aus dem Widerspruch zum großen Rest der Welt, der in der Entsagung eines Klosterlebens liegt, eine positive Gewissheit zu machen, die man, nach Art eines endlosen Kirchentags, auf die Allgemeinheit übertragen könnte. Die eindrucksvollsten Passagen dieses Buches sind deshalb dem Gehen und Sehen gewidmet, einer Wanderung durch die "fast mongolisch anmutende" Hochebene zum Beispiel, in deren Mitte Norcia liegt, die Stadt, in deren Zentrum eine Statue des heiligen Benedikt ihren weißen Arm erhebt.

© SZ vom 02.04.2020/cag
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