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Kunst:Es war, als habe der Markt nur auf den Betrüger gewartet

Otto Wacker als "Olindo Lovaël".

(Foto: Archiv Stefan Koldehoff)

Der Ausdruckstänzer Otto Wacker überschwemmte in der Weimarer Republik den Markt mit falschen van Goghs. Das Buch "Der van Gogh-Coup" erzählt nun seine abenteuerliche Geschichte.

Den Namen Otto Wacker hat die Kunstgeschichte vergessen. Dabei stand der elegante junge Mann im Mittelpunkt des wohl größten Fälschungs-skandals, den es im deutschen Kunsthandel je gab. Sein Prozess in Berlin war Anfang der Dreißigerjahre so aufsehenerregend, dass auf den Titelseiten der Tageszeitungen berichtet wurde und Kurt Tucholsky sich in der Weltbühne darüber lustig machte.

Zum einen, weil die Werke, um die es ging, so kostbar und berühmt waren - an der Wand des Gerichtssaals lehnten Dutzende Gemälde, die Otto Wacker als Van Goghs verkauft hatte. Aber vor allem, weil Kunsthistoriker, Experten, Kritiker und Museumsdirektoren gegeneinander antraten, bis der Berliner Kunstmarkt durch "die van Gogh-Affäre bedroht" schien, wie eine Tageszeitung warnte.

Otto Wacker, der zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, blieb bei seiner Geschichte, dass die Gemälde aus der Schweizer Sammlung eines russischen Emigranten stammten, eines Adeligen mit Verbindungen zur Zarenfamilie, dessen Identität er nicht preisgeben könne, ohne ihn in Lebensgefahr zu bringen. Doch die Indizien sprachen am Ende gegen ihn. Die mehr als zwei Dutzend Gemälde, die Otto Wacker an Sammler, Händler und Galerien verkauft hatte, stammten wohl alle von der Staffelei seines Bruders in Düsseldorf.

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Den schwindelerregenden Aufstieg des Ausdruckstänzers zum gefragten Kunsthändler und Galeristen im Berlin der Zwanzigerjahre schildern Nora und Stefan Koldehoff in ihrem Buch "Der van Gogh-Coup". Die Autoren, deutsche Publizisten mit Expertise für van Gogh, haben ihre reiche Materialsammlung - Briefe, Zeitungsausschnitte, Gerichtsakten - zu einem spannenden Buch verwoben.

Otto Wacker kam 1898 in Düsseldorf als eines von sieben Kindern des Kunstmalers Hans Wacker zur Welt. Zunächst wurde er als Tänzer unter dem Namen Olindo Lovaël bekannt, trat mit seiner Schwester Luise mit "altspanischen Tänzen" auf und ließ sich auf dem Cello von seinem homosexuellen Freund, dem Kunsthändler Erich Gratkowski, begleiten. Kritiker waren begeistert von den selbst entworfenen Kostümen, seinem "gertenschlanken, schmalen, erstaunlich biegsamen Körper" und Titeln wie "An Käthe Kollwitz", "Zuave (dem Andenken Vincent van Gogh gewidmet)" und "Zwitschermaschine (nach Paul Klee)".

Das Bedürfnis nach van Goghs ließ sich "aus dem bekannten Material nicht befriedigen"

Nachdem er wohl Anfang der Zwanzigerjahre erfolgreich einige Gemälde als Van Goghs verkauft hatte, ging er dann das lukrative Geschäft im großen Stil an und eröffnete 1926 in der Berliner Viktoriastraße eigene Geschäftsräume. Van Gogh boomte, vor allem in Berlin. Der Schriftsteller Carl Sternheim und seine Frau Thea besaßen eine der Fälschungen, ebenso der Verleger Samuel Fischer, die Maler Alexej Jawlensky und Max Liebermann und die Schauspielerin Tilla Durieux, die mit dem Galeristen Paul Cassirer verheiratet war. Dessen Geschäftsführerin, die Kunsthistorikerin Grete Ring, meinte rückblickend trocken: "Damals herrschte in Deutschland ein ausgesprochenes Bedürfnis nach Bildern van Goghs, das sich aus dem bekannten Material nicht befriedigen ließ."

Es war, als habe der Markt nur auf den Betrüger gewartet. Die Kunstzeitschrift Der Cicerone schwärmte von den "schönen, großen, ruhigen und vortrefflich hergerichteten Räumen", die Otto Wacker mit einer "sehr bedeutenden Ausstellung des Zeichnungswerkes Vincent van Goghs eindrucksvoll eröffnet" habe. Dass er auch gleich den Band "Vincent van Gogh" im eigens dafür gegründeten Otto-Wacker-Verlag veröffentlichte, unterstrich die Seriosität des Unternehmens. Der Jung-Galerist hatte sogar den Herausgeber des Werkverzeichnisses, Jacob-Baart de la Faille, verpflichtet, der ihm Kontakte zu etablierten Sammlern vermittelte und ihn mit dem Neffen des Künstlers bekannt machte.

Ein Experte nahm viele Bilder ins Werkverzeichnis auf. Auch die Nationalgalerie kaufte eines

Wacker ließ sich den Sachverstand etwas kosten und honorierte Expertisen außergewöhnlich großzügig, mehr als zwei Dutzend Fälschungen nahm de la Faille ins Werkverzeichnis auf. Schon die Eröffnungsausstellung folgte einem Muster: Wacker zeigte stets nur ein Gemälde, meist in Kombination mit unzweifelhaft echten Zeichnungen.

Dass er immer wieder die gleichen Motive anbot - Zypressen, Olivenhaine, Selbstbildnisse und Sämänner - fiel so nicht auf. Sogar Galerien wie Bernheim-Jeune in Paris und Goldschmidt in Berlin stellten die Bilder aus. "Wir waren sehr bemüht, Wacker zu bereden, wenn es ihm möglich sein sollte, uns etwas anzubieten", sagte der Händler Paul Glaser rückblickend.

Trotz der exorbitanten Preise - Wacker verlangte zwischen 25 000 und 65 000 Mark - fand er immer schnell Käufer. Sogar die Nationalgalerie nobilitierte den Aufsteiger durch einen Ankauf. Wacker war ein gemachter Mann. Er schenkte seinem Vater eine Wohnung in Berlin und richtete für die Familie ein Haus in der Künstlerkolonie Ferch am Schwielowsee ein.

Der einzige Kollege, dem der Schwindel früh auffiel, war Franz Zatzenstein, Inhaber der Galerie Matthiesen. Ihm hatte Wacker 1926 ein Zypressenbild verkauft und als Teil der Bezahlung ein authentisches Gemälde van Goghs mit Olivenbäumen in Kommission genommen. Zatzenstein bemerkte, dass bald darauf drei weitere, bis dahin unbekannte Varianten des Olivenbaummotivs auf dem Markt auftauchten und brach den Kontakt ab.

Zwei Jahre später unterlief Wacker dann ein entscheidender Fehler. Er lieh für eine Ausstellung mehrere Bilder an Cassirer aus. Dessen Geschäftsführerin Grete Ring fiel auf, dass die sechs von Wacker vermittelten Bilder auffällig ungelenk wirkten. Sie zeigte ihn an.

In der Presse, die schnell von dem sich anbahnenden Skandal Wind bekam, wurde monatelang ein Expertenstreit ausgetragen. Schließlich hatte Wacker Kennern wie Julius Meier-Graefe, de la Faille und dem Niederländer Henricus Petrus Bremmer viel Geld für Expertisen bezahlt. Meier-Graefe sprang im Berliner Tageblatt sofort für ihn in die Bresche und beteuerte seine "Überzeugung von der Ehrlichkeit Wackers". Dass die Experten de la Faille, der seinen Irrtum öffentlich machte, und Bremmer gegeneinander in Stellung gebracht wurden, befeuerte die Debatte.

Als der mit Spannung erwartete Prozess am 4. September 1931 begann, war der Publikumsandrang enorm, im Schwurgerichtssaal des Berliner Gerichts sah es aus wie bei einer Vernissage: Auf einer Wandleiste hinter der Anklagebank waren 16 Gemälde aufgestellt.

Der Prozess war kompliziert. Wacker blieb bei seiner Version vom unbekannten Russen, die widerstreitenden Expertenmeinungen standen im Mittelpunkt. Schließlich ging es um Indizien: Dass es weder für den Ankauf oder Verkauf aus der Schweiz Unterlagen oder Transportpapiere gab, dafür aber unzählige Belege für Transaktionen aus Düsseldorf, war verdächtig.

Falsches Selbstporträt van Goghs.

(Foto: Nimbus Verlag)

Dort hatte die Polizei im Atelier des Bruders ein gefälschtes Gemälde mit Vincent-Signatur beschlagnahmt, außerdem das Foto eines Selbstbildnisses, das als Vorbild für eine Fälschung gedient haben könnte. Beim Vater fand die Polizei ein auf Pappe gemaltes "Kornfeld". Es war dann am Neffen des Künstlers, Vincent Willem van Gogh, Wackers Legende zu entzaubern und festzustellen, dass es diesen Russen nicht geben könne. In zweiter Instanz wurde Wacker verurteilt.

Dass der Fall in Vergessenheit geriet, hat sicher auch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu tun. Van Gogh und die Avantgarde galten als entartet, die meisten der betroffenen Kunsthändler und viele Sammler flohen aus Deutschland. Aus dem Gefängnis entlassen, arbeitete Wacker zunächst als Assistent eines Galeristen, in der Nachkriegszeit etablierte er sich in der DDR als Institution für Ausdruckstanz. Die Legende vom russischen Adeligen und dessen Sammlung hat er nie widerrufen.

Nora und Stefan Koldehoff: Der van Gogh-Coup. Nimbus Verlag, Wädenswil 2019. 220 Seiten, 29,80 Euro.

© SZ vom 18.01.2020/luch
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