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Opernskandal:Die Oper als moralische Anstalt der Aufklärung? Vorbei!

Mittlerweile wird der Oper von Publikum, Musikern und auch Intendanten eine andere Rolle zugewiesen. Sie soll die Menschen durch die zunehmend wieder als "erhaben" empfundene Musik bezaubern. Alles, was diesem hehren Ziel widerspricht, wird gebrandmarkt, also ausgebuht. Zu diesen zunehmend als störend empfundenen Momenten gehört alles, was die alten Stücke mit Politik, gesellschaftlichen Missständen und sonstigen Alltagserfahrungen anreichert. Die gesamtgesellschaftliche Tendenz zum Konservativen geht eben auch an der Oper nicht spurlos vorüber.

Deshalb stehen Opernintendanten plötzlich vor gänzlich neuen Problemen. Der Siebzigerjahretraum von der Oper als moralischer Anstalt der Aufklärung lässt sich angesichts des beschriebenen Geschmackswandels im Publikum nur mehr unter großen Anstrengungen aufrechterhalten. Denn Oper wird wie schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit wieder als kulinarische Ablenkung von den zunehmend als unlösbar empfunden Problemen eines entfesselten Weltlaufs eingefordert.

Heute kämpfen die Opernhäuser - Bayreuth ist da keine Ausnahme - mit allen medialen Tricks um öffentliche Aufmerksamkeit. Dahinter steckt die durchaus berechtigte Angst, dass die alten Stoffe und ihre Konflikte womöglich nichts mehr in der heutigen Welt bedeuten könnten. Die Kombination aus Kulinarik, Bedeutungsverlust und zunehmend knapperen Finanzmitteln erzwingt, dass die Intendanten zunehmend vorsichtiger agieren und sich zunehmend dem Publikumsgeschmack beugen. Assoziative und oft auch weltfern ästhetisierende Inszenierungen haben zunehmend Konjunktur, auch wird immer nachdrücklicher gefordert, dass Regisseure wie Dirigenten gefälligst nur das zu machen hätten, was in der Partitur steht.

Diesem naiven Neokonservatismus müssen sich die Intendanten stellen. Die gerne so direkte Katharina Wagner aber kann und will diesen Zeitgeist sowieso nicht bedienen. Schon zu Zeiten ihres Vaters und erst recht seit ihrem Amtsantritt hat sie die radikalen Regisseure gefördert. Andrerseits hat sie sich aber mit Christian Thielemann einen Musikdirektor geholt, der nicht nur für konservative Bayreuth-Anhänger eine Kapazität der Wagner-Exegese ist und der trotz gewagter Inszenierungen als übermächtiger Publikumsmagnet wirkt.

Jetzt steht Katharina Wagner mit dem "Parsifal" vor dem Scherbenhaufen ihrer Politik. Den Meisterprovokateur Meese hat sie entlassen. Der Meisterdirigent Nelsons hat von sich aus hingeworfen. Die Nachfolger der beiden garantieren zwar eine solide "Parsifal"-Aufführung, es wird aber wohl nicht zu dem von Katharina Wagner favorisierten Mix aus musikalischem Geniestreich und szenischem Spektakel reichen. Ist sie deshalb als Intendantin gescheitert? Oder war das alles nur ein ganz besonderes Pech? Wenigstens haben Barrie Kosky und Philippe Jordan noch nicht abgesagt. Sie sollen angeblich nächstes Jahr die "Meistersinger" stemmen.