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Opernfestspiele:Bussis und Blütenträume

Sie traten Arm in Arm auf die Bühne, dann interpretierten sie zart und poetisch: Pianist Malcolm Martineau und Sopranistin Anna Netrebko.

(Foto: Wilfried Hösl)

Anna Netrebkos zauberhafter Liederabend bei den Opernfestspielen

Anna Netrebko hat viel Mut. Nicht nur, dass sie bei ihrem Liederabend im Nationaltheater mehrheitlich Stücke singt, die kaum - bis auf einige Ausnahmen - den Reflex des Wiedererkennens auslösen. Sie beginnt den Abend auch so, wie nur sie es sich trauen kann. Am Arm des Pianisten Malcolm Martineau kommt sie auf die Bühne flaniert, im anderen Arm hält sie einen Flieder-Strauß. Dann singt sie drei Lieder von Rachmaninow, in einem davon geht es auch um Flieder. Die drei Lieder sind tatsächlich so zart wie Fliederblütenblätter, man muss sehr pfleglich mit ihnen umgehen, was sie tut. Vielleicht verordnet sie sich sogar ein bisschen zu viel Zurückhaltung, Martineau begleitet annähernd unhörbar - das wird sich ändern, doch stets bleibt sein Spiel dezent. Schon hier, in diesen zarten, poetischen Gebilden, die durchaus krasse Amplituden aufweisen, umfängt einen die Faszination ihres Stimmklangs, der anschwillt und abschwillt als wäre er durch nichts begrenzt.

Netrebko singt viel Russisches, Französisches, was ihr außerordentlich gut steht, vier Strauss-Lieder, Dvořák, zwei seltsame englische Nummern, Italienisches. Mit Letzterem, Leoncavallos "Mattinata", beschließt sie den ersten Teil, also doch ein kleiner Ranschmeißer ans Publikum, damit bestreitet sie die beiden Zugaben. Arditis Belcanto-Eskapismus "Il bacio", mit Küsschen in Richtung der Loge von Staatsopernintendant Bachler, "O mio babbino caro" als umwerfendes Finale.

Der junge Geiger Giovanni Andrea Zanon begleitet sie äußerst vorsichtig bei Strauss' "Morgen!", mit Elena Maximova singt sie zwei Duette, Offenbachs "Barkarole" und eines aus "Pique Dame". Momente größter Kunst: Das letzte Wort von Rachmaninows "U moego okna", es lautet "Slov" also "Wort", ein Wort der Liebe, das hier nicht ausreicht und dem sie schwärmerisch hinterherlauscht. Überhaupt: Es ist so viel Sehnen in diesem Abend, das getragen wird vom warmen, dunklen Grund ihrer Stimme bis in die höchsten, entfliegenden Höhen. Dieses zarte Verlöschen ist einzigartig. Debussy, Charpentier: Anlässe vielgestaltiger Bittersüße, jedes Wort empfunden, gedacht, sie ist völlig bei sich.

Nun Richard Strauss also. Mitte August debütiert Netrebko als Elsa in Bayreuth. Jetzt singt sie vier deutsche Lieder. Dabei ist sie sorgsam bedacht auf Textverständlichkeit, zerdehnt fast "Wiegenlied" und "Die Nacht", spürt, dass doch alles klappt im "Ständchen". Auch das noch zu langsam, aber souverän: "Nur die Liebe ist wach", herrlich, mündend in überbordenden Klang, danach Erleichterung, Freiheit.

Dieses Konzert wirkt extrem wichtig für sie, was ihr nicht den Humor raubt. Sie tanzt, singt nach hinten, holt sich einen Luftballon, sie ist auch immer noch ein Fliedermädchen. Das danach mit Sponsoren in einem der Prachtsäle des Nationaltheaters speist, lachend, souverän, und der Staatsoper damit Zusatzeinnahmen von 40 000 Euro beschert.