Oper Volk grölt, Schweine tanzen, Solisten jammern

Eindrucksvolle Musik, aber das Libretto lässt sich nicht retten: Mussorgskys "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi" in Berlin.

Von Julia Spinola

Die Langeweile im ukrainischen Dörfchen Sorotschinzi, so erzählt es die Novelle "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi" von Nikolai Gogol, war einst sogar dem Teufel persönlich so unerträglich, dass er dort zum Säufer wurde. Gogol musste es wissen, denn er selber wurde in dem Ort geboren. Seine Groteske um die jährliche Heimsuchung der Dorfs durch den Teufel, der sich in Schweinegestalt jenen roten Kittel zurückerobern möchte, den er damals beim Wirt versetzt hatte, inspirierte Modest Mussorgsky zu seiner letzten Oper. Er hoffte, im Komponieren einer "echten, komischen Oper" einen schöpferischen Ausgleich zu finden zur Schwere seiner beiden Riesengewichte: dem gerade vollendeten "Boris Godunow" und dem fünfaktigen Historiendrama "Chowanschtschina". Als Mussorgsky 1881 an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit starb, hinterließ er jedoch beide Werke als Fragment.

An der Komischen Oper Berlin hat der Intendant Barrie Kosky die 1932 von Pawel Lamm und Wissarion Schebalin erstellte Aufführungsfassung des "Sorotschnizi"-Fragments um eingeschobene Stücke aus der Feder Mussorgskys und Nikolai Rimsky-Korsakows ergänzt. Drei Stücke aus Mussorgskys Zyklus "Lieder und Tänze des Todes" erklingen zum Teil in Chorbearbeitungen; am Anfang und am Ende der Oper steht, ebenfalls in einer Chorbearbeitung, Rimsky-Korsakows "Hebräisches Lied". Wirklich komisch ist diese Oper bei aller Drastik jedoch nicht. Eher trifft die Definition des russischen Theatermachers Wsewolod Meyerhold zu, wonach das Groteske harsche Gegensätze gegeneinander stelle und "nicht unbedingt komisch", sondern "ebenso gut tragisch sein" könne.

Die Handlung verquickt den Teufelsaberglauben der Dorfgemeinschaft mit einer alltäglichen Liebesgeschichte: Der junge Bauer Grizko liebt die schöne Parasja. Deren trunksüchtiger Vater Tscherewik gestattet die Ehe, während die frustrierte Mutter Chiwrja, ein derber Hausdrachen, die sich den Sohn des Popen zum Liebhaber herangefüttert hat, dagegen ist. Nach wilden Teufelsbeschwörungen, einem Hexensabbat und einem Albtraum Grizkos wird am Ende alles gut, und das Volk tanzt jenen ausgelassenen "Gopak", der man heute allenfalls noch aus der Oper kennt.

Das Libretto zeichnet das Stimmungsbild einer Dorfgemeinschaft mit all ihren Kollektivzwängen und -sehnsüchten und der Angst vor dem Fremden: ein zwielichtiger "Zigeuner" tritt auch auf. All die unerfüllten, individuellen Wünsche betäubt diese Dorfgemeinschaft in ihren rohen, derben Mutwilligkeiten. Dennoch wird kein runder Opernabend aus diesem Fragment,und auch Barrie Koskys Regie kann das Libretto mit seinen Lücken und Längen nicht retten. Auf leerer Bühne inszeniert er das ukrainische Dorfvolk als eine ewig grölende, jauchzende und schenkelklopfende Masse, während die Solisten meist jammernd und klagend über den Boden robben. Zum Albtraum Gritzkos, für den Mussorgsky seine sinfonische Dichtung "Eine Nacht auf dem kahlen Berge" bearbeitete, führt der Chor ein satanisches Schweinsballett auf. Wenn sich der Liebhaber in der Küche der Schwiegermutter verstecken muss, so tut er das à la Mister Bean mit dem Kopf in einem riesigen Putenbraten. Sonst wird getorkelt, gerülpst und Hose heruntergelassen, was das Zeug hält.

Mussorgskys Musik aber, die in diesem Stück streckenweise ebenso bohrend wahrhaftig und eigenwillig klingt wie in seinen Meisterwerken, lohnt die Entdeckung. Sie bewegt sich beinahe ausnahmslos zwischen zwei Extremen. Vom schwermütigsten Ausdruck der Einsamkeit, der Todesnähe und abgründiger Ängste fällt sie immer wieder jäh in den Übermut der Volkstänze und Alkoholexzesse. Es gibt nur wenige echte Duette oder Ensembles in dieser Oper. Die Musik überlässt die Menschen entweder gottverlassen sich selbst und ihrem melodisch überreichen, manchmal nur von einem einzigen Instrument oder auch gar nicht begleiteten Jammer, oder sie wirft sie in die Ekstasen der Tanz- und Chorszenen. Der Generalmusikdirektor der Komischen Oper, Henrik Nánási, schärft am Pult des prächtig spielenden Orchesters die Extreme, der Chor und der Kinderchor der Komischen Oper übertreffen sich, ergänzt vom Vocalconsort Berlin, selbst, und auch die solistischen Partien sind mit Agnes Zwierko als Chiwrja, Jens Larsen als Tscherewik, Mirka Wagner als Parasja und Alexander Lewis als Grizko glänzend besetzt.